Vor diesem Hintergrund erscheinen Gemeidenfusionen als praktikable Lösung, um die Herausforderungen der sozioökonomischen Entwicklungen zu bewältigen und die Resilienz der Gemeinden zu erhöhen. Sie erlauben es, solidere Gebietskörperschaften zu bilden, die in der Lage sind, selbstständig und effizient auf die wachsenden Bedürfnisse der Bevölkerung zu reagieren und die lokalen Erwartungen zu berücksichtigen, sodass eine Zentralisierung auf Kantonsebene vermieden werden kann. Mit einer Fusion kann insbesondere die Governance vereinheitlicht, die Verwaltung optimiert und die Planung von Infrastrukturen und öffentlichen Dienstleistungen verbessert werden.
Besserer Zugang zu Infrastruktur und Dienstleistungen
Die geografischen Unterschiede zwischen den Gemeinden können die Anbindung an Strassen und den öffentlichen Verkehr erschweren, vor allem in abgelegenen Gebieten. Mit einer Fusion kann die Mobilitätsinfrastruktur von Anfang an kohärenter geplant und besser verwaltet werden. Dank der Bündelung ihrer Ressourcen können die Gemeindebehörden stärker Einfluss nehmen, wenn es darum geht, Verkehrsnetze zu koordinieren, Verbindungen zu harmonisieren und den Zugang zu Arbeitsstandorten, Schulen und Verwaltungsstellen zu verbessern. Eine grössere Gemeinde mit abgestimmten Forderungen hat mehr Gewicht bei Verhandlungen mit Kantons- und Bundesbehörden sowie Dienstleistern über Verbesserungen im Infrastruktur- und Verkehrsbereich.
Ein anderer wichtiger Vorteil ist die durch eine Fusion erzielte Stabilität. Mit einem Zusammenschluss mehrerer Gemeinden können die Risiken im Zusammenhang mit unerwarteten demografischen Veränderungen, etwa dem Zu- oder Wegzug einer wichtigen Steuerzahlerin oder eines wichtigen Steuerzahlers oder einem raschen Bevölkerungsanstieg infolge eines neu erstellten Quartiers, erheblich reduziert werden. Je grösser das Gebiet und die Bevölkerung, desto unwahrscheinlicher sind statistische Anomalien, was die Vorhersehbarkeit der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung erhöht. Diese Stabilität erlaubt eine gelassenere Verwaltung und eine langfristige Planung von Infrastruktur und Dienstleistungen.
Beispiele für territoriale Herausforderungen und die Veränderungen infolge einer Fusion:
Bessere Verteilung von Einrichtungen und Dienstleistungen über das ganze Gebiet.
Koordination und Stärkung des öffentlichen Verkehrsnetzes.
Bündelung der Ressourcen für eine qualitativ bessere und nachhaltigere Infrastruktur.
Wenn die Gemeinden bestimmte Schwellenwerte erreichen, namentlich in Bezug auf die Bevölkerungszahl, kann eine Fusion eine rationellere und kohärentere Planung im Hinblick auf die Errichtung, Entwicklung und Instandhaltung öffentlicher Infrastrukturen (z. B. Schulen, Krippen, Bibliotheken) ermöglichen.
Wahrung einer bürgernahen Verwaltung in fusionierten Gemeinden
Bei einer Fusion kann der Eindruck entstehen, dass die Verwaltung weiter weg ist, vor allem wenn Dienststellen zusammengelegt und gewisse Funktionen zentralisiert werden. Es ist jedoch möglich, eine bürgernahe Verwaltung zu bewahren, indem lokale Zweig- oder Anlaufstellen in den ehemaligen Gemeinden errichtet werden. Auf diese Weise bleiben die direkten Interaktionen mit der Bevölkerung und die persönlichen Beziehungen zu den gewählten Amtsträgerinnen und Amtsträgern sowie den Gemeindeangestellten bestehen. Paradoxerweise kann eine Fusion auch zur Stärkung der Bürgernähe führen, da die Behörden eine gleichmässigere Versorgung des gesamten Gebiets der neuen Gemeinde gewährleisten können.
Beispiele für Herausforderungen im Zusammenhang mit einer bürgernahen Verwaltung und die Veränderungen infolge einer Fusion:
Errichtung von lokalen Zweigstellen und dezentralisierten Anlaufstellen.
Harmonisierung und Vereinfachung von Prozessen.
Bessere Strukturierung der lokalen Governance und vermehrte Kommunikation.
Bei einer Fusion können ausserdem Dienststellen zusammengelegt und Prozesse vereinfacht werden, was zu einer effizienteren Verwaltung führt. Die Reorganisation von Dienststellen kann jedoch Transitionskosten verursachen und die Neudefinition bestimmter Stellen notwendig machen.
Rekrutierung und Bindung von Verwaltungspersonal und gewählten Amtsträgerinnen und Amtsträgern
Immer mehr Gemeinden haben Mühe, Kandidatinnen und Kandidaten für politische Ämter zu finden und qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Eine Fusion kann die Attraktivität einer Gemeindeanstellung infolge besserer Arbeitsbedingungen erhöhen, aber die Wiederbestellung der politischen Ämter bleibt ein grosses Problem.
Im Jahr 2021 fand in fast der Hälfte der 138 Wahlkreise (d. h. 128 Gemeinden und 10 reaktivierte Kreise) eine Wahl ohne Einreichung von Listen statt, was die Durchführung offener Wahlen erforderlich machte (75 offene Wahlen). Mehr als die Hälfte (rund 60 %) betraf Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Diese Zahlen zeigen, dass gewisse Gemeinden trotz der insgesamt steigenden Zahl von Kandidierenden Mühe haben, genügend Personen zu finden, die sich auf Gemeindeebene engagieren wollen.
Dazu kommt eine weitere Schwierigkeit: Die gewählten Personen bleiben in der Regel nicht lange im Amt. Viele treten vor Ablauf der Legislaturperiode zurück. Im Zeitraum 2011–2016 und 2016–2021 sowie in der aktuellen Legislaturperiode (2021–2026) beläuft sich die Rücktrittsrate bei den Gemeinde- und Generalräten auf 37 % bzw. 20 % (2011–2016), auf 25 % bzw. 21 % (2016–2021) und auf 19 % bzw. 16 % (laufende Legislaturperiode). Diese Demissionen erfolgen übrigens nicht unbedingt im Zusammenhang mit einer Fusion, sondern sind Ausdruck eines strukturellen Trends.
Beispiele für Herausforderungen bei der Rekrutierung von Verwaltungspersonal und von Kandidierenden für politische Ämter und die Veränderungen infolge einer Fusion:
Aufwertung der politischen Ämter auf Gemeindeebene und bessere Aufgabenverteilung.
Höhere Kontinuität und Attraktivität der politischen Ämter.
Professionalisierung bestimmter Bereiche dank mehr Ressourcen. Zur Unterstützung der gewählten Amtsträger/innen können qualifizierte Personen angestellt werden, die Dossiers vorbereiten, komplexe Sachverhalte vermitteln und die strategische und politische Entscheidungsfindung unterstützen.
Hier kann eine Fusion konkrete Antworten bieten: Dank einer besseren Aufgabenverteilung können sich die gewählten Amtsträgerinnen und Amtsträger vermehrt auf strategische und politische Aufgaben konzentrieren. Dies trägt zur Erhöhung der Stabilität und der Kontinuität innerhalb der Gemeinderäte bei.
Bürgerbeteiligung und Governance nach einer Fusion
Bei einer Gemeindefusion können sich mehrere Herausforderungen in Bezug auf die Bürgerbeteiligung und die lokale Governance stellen. Diese müssen berücksichtigt werden, damit das Verfahren erfolgreich abgeschlossen und ein hohes Engagement der Bürgerinnen und Bürger erhalten werden kann. Bei einer Fusion können die Bürgerinnen und Bürger aktiv bei der Errichtung der neuen Gemeinde mitwirken, was die Legitimität des Vorhabens erhöht. Zudem erlaubt es eine Fusion, eine neue gemeinsame Identität zu entwickeln, die das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer stärkeren Gebietskörperschaft fördert. Sie kann aber auch zu einem Identitätsverlust und zur Aufgabe der früheren Gemeindenamen führen, was bei einigen Einwohnerinnen und Einwohnern ein Gefühl der Entfremdung von den Gemeindeentscheiden bewirken kann.
Die Fusion ermöglicht eine klarere demokratische Vertretung durch eine einzige Gemeindebehörde, doch besteht auch das Risiko einer weniger repräsentativen Governance, wenn die aktive Kommunikation zu wenig strukturiert ist. Es ist daher wichtig, einen Mechanismus zur Bürgerbeteiligung (z. B. Anhörungen) sowie regelmässige Kommunikations- und Konsultationskanäle vorzusehen, um eine starke Verbindung zwischen Behörden und Bevölkerung zu bewahren.
Beispiele für Herausforderungen im Zusammenhang mit der Bürgerbeteiligung und die Veränderungen infolge einer Fusion:
Einführung von Mechanismen zur Bürgerbeteiligung.
Schaffung von regelmässigen Kommunikations- und Konsultationskanälen.
Ausgewogene Sitzverteilung und bessere Verbindung zu den Bürgerinnen und Bürgern.
Anders als ein Gemeindeverband ermöglicht es eine Fusion zudem, der Gemeindelegislative, d. h. der Gemeindeversammlung oder dem Generalrat, Entscheidungsbefugnisse zurückzugeben, über die sie in einem interkommunalen Rahmen häufig nicht verfügt. Im Gegensatz zur interkommunalen Zusammenarbeit, bei der gewisse Aufgaben an externe Gremien delegiert werden, liegen diese Befugnisse nach einer Fusion wieder bei der Gemeinde, was die Transparenz und die demokratische – weil direkte – Kontrolle verbessern kann.
Stärkere regionale Vision und Einflussnahme
Eine fusionierte Gemeinde verfügt über eine breitere strategische Vision, was die langfristige Planung und Koordination von Investitionen erleichtert. Eine grössere Gemeinde hat mehr politisches Gewicht bei Verhandlungen mit Kantons- und Bundesbehörden, was die Beschaffung von Finanzmitteln und die Umsetzung von Verbesserungen im Bereich der Raumplanung und der öffentlichen Dienstleistungen erleichtern kann. In einem regionalen Kontext, der durch den Ausbau der interkommunalen Zusammenarbeit geprägt ist, kann die aus einer Fusion hervorgegangene Gemeinde eine aktive und strukturierende Rolle im Rahmen der territorialen Dynamiken anstreben. Sie kann sich beispielsweise stärker an regionalen Entwicklungsprojekten, der Raumplanung oder der Koordination öffentlicher Dienstleistungen beteiligen und durch die Abstimmung der Gemeindeziele auf die regionalen Strategien bei der Festlegung einer kohärenten regionalen Vision mitwirken.
Eine Fusion bleibt jedoch ein langwieriger und komplexer Prozess, der eine sorgfältige Vorbereitung, vor allem im Vorfeld der regionalen Veranstaltungen, sowie eine angemessene Begleitung erfordert. Eine stärkere Mitwirkung auf regionaler Ebene wird somit zu einem eigenständigen strategischen Ziel, was aber voraussetzt, dass die Gemeinde in der Lage ist, den Mehrwert einer Regionalisierung im Vergleich zu einer eigenständigen Verwaltung kontinuierlich zu evaluieren. Aus einer unfreiwilligen Mitwirkung infolge der Unfähigkeit, eigenständig zu handeln, kann also im Rahmen einer Fusion ein bewusster politischer Entscheid werden, auf ein besseres oder effizienteres Leistungsangebot in einem grösseren Perimeter hinzuwirken.
In vielen Regionen werden die Grenzen des aktuellen Systems der interkommunalen Zusammenarbeit immer deutlicher sichtbar: Vielzahl von Gemeindeverbänden, intransparente Strukturen, unausgewogene Vertretung von kleinen und grossen Gemeinden sowie Notwendigkeit thematischer Subkommissionen, um die Mängel der bestehenden Mechanismen zu kompensieren. Dies zeugt von einer zunehmenden Komplexität, die die Nachvollziehbarkeit der Entscheide, die demokratische Transparenz und die Effizienz des öffentlichen Handelns beeinträchtigt. Eine Fusion kann daher als Chance gesehen werden, die lokale Governance zu vereinfachen, zersplitterte Kompetenzen zu bündeln und die Verwaltung wieder nachvollziehbarer und ausgewogener zu gestalten. Sie trägt zudem zu einer besseren Vorbereitung auf regionale Debatten bei, erhöht die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, und erlaubt es dank besser strukturierte Konsultations- und Aufsichtsmechanismen, die Beziehungen zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der Regionen und den untervertretenen Gemeinden zu formalisieren.
Beispiele für Herausforderungen im Zusammenhang mit einer breiteren strategischen Vision und einem grösseren politischen Gewicht sowie für Veränderungen, die durch eine Fusion angestossen werden:
Entwicklung einer gemeinsamen strategischen Vision für das gesamte fusionierte Gebiet.
Mehr Möglichkeiten der politischen Einflussnahme dank kritischer Grösse.
Wandel der interkommunalen Zusammenarbeit zu einem strategischen Entscheid, ein qualitativ gutes und effizientes Leistungsangebot bereitzustellen.
Vereinfachung der lokalen Governance dank direkter Integration der Kompetenzen in die besser strukturierte und eigenständigere fusionierte Gemeinde.
Stärkung der Rolle der Gemeinde bei territorialen Entwicklungsdynamiken dank besser strukturierter Organisation und höherer Koordinationsfähigkeit.
Bessere Einfluss- und Verhandlungsmöglichkeiten bei der Festlegung regionaler Prioritäten.
Zusammenfassung und Ausblick
Eine Fusion löst nicht alle Probleme, aber sie erleichtert die Bewältigung einer Reihe von Aufgaben, indem sie Entscheidungs- und Verwaltungsstrukturen vereinfacht. Zudem erlaubt sie es, von den wirtschaftlichen Vorteilen eines grösseren Gebiets zu profitieren, etwa durch Skaleneffekte, bessere Abstimmung der Infrastruktur und Abbau der durch die territoriale Zersplitterung bedingten Einschränkungen. Eine grössere Gemeinde hat auch mehr politisches Gewicht bei Verhandlungen mit Kantons- und Bundesbehörden, was die Beschaffung von Finanzmitteln und die Umsetzung von Verbesserungen im Bereich der Raumplanung und der öffentlichen Dienstleistungen erleichtern kann.