Die Gleichstellung von Frau und Mann ist gesetzlich verankert; Ungleichheiten und stereotype Geschlechterbilder halten sich in der Realität jedoch hartnäckig, auch wenn Frauen im Kanton Freiburg den Männern zahlenmässig in nichts nachstehen. Diese Ungleichstellung ist bereits bei der Wahl der Ausbildung und des Berufs beobachtbar – manchmal zum Nachteil der persönlichen Wünsche und Fähigkeiten.
Anteil der Männer in der beruflichen Grundbildung im Bereich ‹Krankenpflege und Geburtshilfe› im Jahr 2024 im Kanton Freiburg. Der Bereich ‹Elektrizität und Energie› hingegen zählt anteilsmässig 3 % Frauen.
Schüler/innen sowie Studierende nach Bildungsgang
- Auf Sekundarstufe II besuchen Frauen überwiegend allgemeinbildende Bildungsgänge wie Gymnasium, Handelsschule oder Fachmittelschule (61% Frauen im Schuljahr 2023/24). Der Männeranteil ist hingegen in der Berufsbildung (Lehre) höher (64% Männer).
- Frauen wählen deutlich häufiger als Männer ein Hochschulstudium. Insbesondere an Universitäten machten Frauen im Jahr 2023/24 61% der Studierenden aus.
Lernende in der beruflichen Grundbildung nach Ausbildungsbereich
- Männer sind in bestimmten technischen und industriellen Ausbildungsbereichen wie dem Bauwesen, dem Automobilbau, der Energiewirtschaft oder dem Maschinenbau deutlich in der Überzahl und machen dort im Jahr 2024 mehr als 90 % der Lernenden aus. Auch in der IT-Branche arbeiten überwiegend Männer.
- Mit 90 % ist der Frauenanteil in Ausbildungen im Bereich Gesundheit und personenbezogene Dienstleistungen wie Pharmazie, Zahnmedizin, medizinische Diagnostik, Kosmetik und Coiffeur deutlich stärker. Frauen sind in der Pflege und im Sozialwesen ebenfalls stark überrepräsentiert.
- Einige Branchen weisen ein gewisses Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern aus, so z. B. im Gross- und Detailhandel, im kaufmännischen Bereich oder im Hotel- und Gastgewerbe.
Verteilung von erwerbstätigen Frauen und Männern nach Wirtschaftszweig
- Eine Analyse der erwerbstätigen Bevölkerung des Kantons Freiburg im Jahr 2024 zeigt eine starke Frauenkonzentration in den Bereichen Gesundheit und Soziales, Detailhandel und Unterrichtswesen.
- Männer sind hingegen im Bauwesen, in der Automobilindustrie, in der Landwirtschaft, im verarbeitenden Gewerbe, im Transportwesen sowie in der Information und Kommunikation deutlich stärker vertreten. Diese Zahlen zeigen, dass bestimmte technische, technologische und handwerkliche Berufe nach wie vor überwiegend von Männern ausgeübt werden.
- In der öffentlichen Verwaltung ist die Verteilung zwischen Frauen und Männern ausgewogener.
Ende der obligatorischen Schule – ein Wendepunkt
Die obigen Grafiken zeigen, dass die Berufswahl bereits ab der nachobligatorischen Schulzeit stark vom Geschlecht beeinflusst wird – mit erheblichen Auswirkungen auf die Verteilung von Frauen und Männern in den verschiedenen Studiengängen. Dieser Trend setzt sich auch im weiteren Verlauf der beruflichen Laufbahn fort.
Der Frauenanteil im Hochschulbereich steigt seit Jahrzehnten. Dies ist besonders erfreulich, da die Ausbildung eines der wichtigsten Mittel zur Gewährleistung der Chancengleichheit innerhalb der Bevölkerung ist, zur persönlichen Entfaltung beiträgt und den Fachkräftemangel beheben kann.
Das Gewicht der Stereotypen
Die Berufswahl ist weiterhin stark geschlechtsspezifisch geprägt und Stereotypen spielen dabei eine wichtige Rolle: Das nahe Umfeld, die Familie, Gleichaltrige, aber auch Lehrpersonen orientieren die Schülerinnen und Schüler manchmal unbewusst nach ihrem Geschlecht und offenbaren dabei Vorurteile bei der Beurteilung der Fähigkeiten von Mädchen und Jungen. Die Jugendlichen übernehmen diese Stereotypen, schränken die eigenen Ambitionen ein und wählen Berufe, die traditionell mit ihrem Geschlecht assoziiert werden.
Die Auswirkungen dieser frühen Entscheidungen sind beträchtlich. Branchen und Berufe mit starker Frauenvertretung werden oft weniger geschätzt und daher schlechter bezahlt; Teilzeitstellen sind häufig. Zusammen schwächen diese Tatsachen die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen und beeinträchtigen ihre Lebensqualität.
Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung weist Männern traditionell produktive und öffentliche Rollen (bezahlte Arbeit, technische Tätigkeiten) zu, während Frauen reproduktive und private Rollen (Pflege, Hausarbeit) zukommen. Diese Aufgabenverteilung bringt auch eine Hierarchie mit sich: Die mit Frauen verbundenen Aufgaben werden gesellschaftlich und wirtschaftlich oft weniger geschätzt.
Mit den jeweiligen Aufgaben gehen Eigenschaften einher, die jeweils Frauen oder Männern zugeschrieben werden und häufig als natürlich angesehen werden. Frauen seien von Natur aus begabt im Umgang mit Kindern und Männer in handwerklichen Tätigkeiten. Diese Eigenschaften spiegeln sozio-historische Konstrukte wider, die bewusst und unbewusst weitergegeben und verinnerlicht werden.
Schon gewusst?
Sozialisation ist ein Prozess, bei dem Individuen die Normen und Werte der Gesellschaft, in der sie leben, verinnerlichen. Die Sozialisierung beginnt mit der Geburt und setzt sich über die Kindheit und während des gesamten sozialen Werdegangs des Individuums fort.
Kinder erhalten beispielsweise schon in jungen Jahren unterschiedliches Spielzeug: Puppen und Spielzeuggeschirr für Mädchen, Lastwagen und Baukästen für Jungen. Diese Entscheidung ist nicht neutral: Mädchen werden dazu ermutigt, fürsorglich zu sein und gut zuzuhören; Jungen werden hingegen dazu angeregt, ihre körperliche Stärke zu entdecken, zu entwickeln und einzusetzen.
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