Das zunehmende Alter von Menschen, die Substanzen – einschliesslich illegaler – konsumieren, führt dazu, dass bei Fachpersonen ein Orientierungsbedarf besteht
Im Kanton Freiburg leiden 11,6 % der über 65-Jährigen, die häusliche Pflege erhalten oder in einem Pflegeheim leben, unter einer schwerwiegenden Sucht. Der Grossteil ist alkoholabhängig, aber auch Tabak, Medikamente und mitunter illegale Drogen spielen eine Rolle. Suchtkrankheiten können erhebliche kognitive, somatische, psychische und funktionelle Folgen haben.
Eine enge Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren
Der Leitfaden für Fachpersonen zum Thema Sucht bei älteren Menschen wurde in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Netzwerk für psychische Gesundheit (FNPGM), der Vereinigung Freiburger Alterseinrichtungen und Spitex (AFISA-VFAS) und der Hochschule für Gesundheit Freiburg (HfG-FR) erarbeitet. Er knüpft an den Bericht aus dem Jahr 2021 des Kantonsarztamtes des Kantons Freiburg über Suchtprobleme bei älteren Menschen an. Der Leitfaden ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit zahlreichen Berufsgruppen sowie mit den anderen Direktionen. Dank einer gründlichen Bedarfsanalyse konnte ein Leitfaden erstellt werden, der in der Realität vor Ort verankert ist.
Die Fachpersonen sind sich der Folgen des Missbrauchs von Alkohol oder psychotropen Substanzen bewusst und wissen zugleich, dass ein besserer Umgang mit dem Konsum oder dessen Reduktion die Schäden verringern und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern können. Allerdings möchten sie den älteren Menschen keine bestimmte Lebensweise aufzwingen. Abstinenz ist häufig nicht die einzige Option: Oft kann die Selbsthilfe im Vordergrund stehen, und sollte externe Hilfe notwendig werden, muss diese auf den tatsächlichen Fähigkeiten der betroffenen Person und ihrer Angehörigen aufbauen.
Suchterkrankungen bei älteren Menschen weisen jedoch einige Besonderheiten auf, die bei der Herangehensweise an dieses Thema berücksichtigt werden sollten. Zunächst einmal müssen der körperlichen und psychischen Gebrechlichkeit, der Polymedikation und den altersbedingten Begleiterkrankungen Rechnung getragen werden. Die psychische Gesundheit und die Isolation spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei Suchterkrankungen älterer Menschen, die besonders gefährdet sind und sich einsam oder traurig fühlen oder unter einem altersbedingtem Verlust von Orientierungspunkten leiden können. Die Erkennung gestaltet sich daher schwieriger, da die Symptome oft mit denen des Alterungsprozesses verwechselt werden.
Angesichts dieser Besonderheiten ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich: Er muss medizinische, soziale, psychologische und ethische Aspekte berücksichtigen. Ziel dieses Leitfadens ist es, konkrete Anhaltspunkte zu bieten, um Suchterkrankungen zu erkennen und angemessen zu reagieren. Sollte man eingreifen, und wenn ja, wie? Wen sollte man informieren? Wen sollte man einbeziehen, um die betroffene Person bestmöglich zu unterstützen?
Anhand von sieben konkreten Fallbeispielen bietet dieser Leitfaden allen Fachpersonen die Möglichkeit, Suchtfragen besser in ihre Praxis und in ihre Institution zu integrieren. Das in diesem Leitfaden vorgeschlagene Vorgehen soll mit den verschiedenen geltenden Vorschriften in Einrichtungen für ältere Menschen vereinbar sein. Es schreibt keinen starren Rahmen vor, sondern bietet vielmehr Handlungs- und Denkanstösse, die auf die in der Praxis auftretenden Situationen und Herausforderungen zugeschnitten sind.
"Für die ambulante und stationäre Pflege schafft der Leitfaden eine gemeinsame fachliche Orientierung für Fachpersonen aller Qualifikationsstufen und erhöht die Handlungssicherheit im Pflege- und Betreuungsalltag. Er unterstützt eine strukturierte Einschätzung von Auffälligkeiten, Risiken und Ressourcen und fördert ein einheitliches, nachvollziehbares und abgestimmtes Vorgehen:" sagte Doris Beyeler von Senseera Gesundheit AG Spitex an der Medienkonferenz.
Der Leitfaden ist auf der folgenden Website verfügbar: www.fr.ch/leitfaden-sucht-senioren.