Sieben Massnahmen zur Bekämpfung von Suchtproblemen bei älteren Personen im Kanton Freiburg

10 Dezember 2021 - 09H18

Die Direktion für Gesundheit und Soziales (GSD) hat die Ergebnisse einer Studie über Sucht-probleme bei älteren Personen im Kanton Freiburg vorgestellt. Es wurde ein Aktionsplan ausgearbeitet; dieser umfasst 7 Massnahmen, die mit der Schulung und dem Coaching des Pflegepersonals, der Information und der Vernetzung der Organisationen zusammenhängen.

Verheerende Auswirkungen auf Sozialleben, Verhalten und Gesundheit

Die Freiburger Bestandsaufnahme zeigt, dass 11,6 % der Personen über 65 Jahren, die Spitexleistungen in Anspruch nehmen oder in einem Pflegeheim wohnen, an einer schweren Suchterkrankung leiden, häufig Alkohol, jedoch auch Tabak und Medikamente. Gleichermassen werden die Personen, die illegale Drogen konsumieren, zunehmend älter und haben ganz eigene Bedürfnisse. Im Kanton Freiburg wären aktuell gut 600 suchtkranke ältere Personen auf ständige und spezifische Betreuung angewiesen, darunter ein Drittel mit intensivem Unterstützungsbedarf.

Suchterkrankungen wirken sich auf Sozialleben, Verhalten und Gesundheit aus. Mit zunehmendem Alter sinkt nachweislich auch die Toleranz gegenüber Alkohol oder Drogen. Daher ist es besonders wichtig, die spezifischen Kompetenzen und die Zusammenarbeit der Fachpersonen zu stärken, die ältere Personen betreuen, um das Problem allenfalls erkennen und eine angemessene Versorgung anbieten zu können.

Schulung und Coaching der Fachpersonen, Entwicklung eines Wohnstättenangebots mit Pflegedispositiv

Die Institutionen müssen heute mit sehr schweren Fällen sowie einer Zunahme und Diversität der Suchtverhalten zurechtkommen. Anfang 2022 wird eine Arbeitsgruppe deshalb prüfen, ob es möglich wäre, ein Wohnstättenangebot oder eine Suchtabteilung mit spezialisiertem Pflegeangebot zu schaffen, die bestmöglich auf die Bedürfnisse von älteren Personen mit Suchtproblematik zugeschnitten sind.

Die Fachpersonen müssen sich auch mit ethischen Aspekten auseinandersetzen und überlegen, welche berufliche Haltung sie in Bezug auf Suchtverhalten einnehmen sollen. Abstinenz ist nicht der einzig mögliche Weg. Die Förderung des Selbstmanagements und die Unterstützung eines kontrollierten Konsums haben definitiv Potenzial.

Übergang in den Ruhestand als nachgewiesener Auslöser für Suchtprobleme

Die Pensionierung stellt für die meisten älteren Menschen einen Wendepunkt dar, da sie ihre Rolle und Identität, ihren Alltagsrhythmus, die Freizeitgestaltung und den Sinn, den sie ihrem Leben geben, neu definieren müssen. Einige der im Alter beobachteten Suchtprobleme können in Verbindung mit dem Übergang zum Ruhestand zu stehen. Suchtverhalten bei älteren Menschen wird weniger leicht erkannt als bei der übrigen Bevölkerung, was unter anderem auf eine stärkere soziale Isolation zurückzuführen ist.

Vor diesem Hintergrund werden Massnahmen entwickelt, um die Früherkennung durch die Spitex und die Gesundheitsnetze zu verbessern sowie die Information der Bevölkerung, der älteren Menschen und der Angehörigen älterer Menschen auszubauen. Ausserdem soll ein digitales Tool entwickelt werden, das den Seniorinnen und Senioren dabei hilft, ihren Konsum selber zu steuern (Selbstmanagement). Die Suchtproblematik wird u. a. in die Gemeindekonzepte im Zusammenhang mit der kantonalen Politik für Seniorinnen und Senioren eingebunden.

Die eingeführten Massnahmen werden in Abstimmung mit dem gesamten Freiburger Netzwerk entwickelt, um kohärente Pflegeleistungen festzulegen und zu erbringen und deren Kontinuität zu gewährleisten. Ethische Fragen und die berufliche Positionierung sollen auf institutioneller Ebene geklärt werden. Es geht darum, die Fachpersonen dabei zu unterstützen, einen Mittelweg zu finden zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Patientinnen und Patienten und ihrer beruflichen Schutzpflicht, zwischen Risikominderung und Abstinenz sowie zwischen Lebensqualität und Langlebigkeit.

Die Massnahmen dieses Aktionsplans sind Teil einer kantonalen Gesundheitspolitik. Sie werden im Rahmen des Massnahmenplans «Senior+», der kantonalen Planung der Langzeitpflege (spezialisierte Abteilung in Pflegeheimen für Menschen mit Suchtproblemen), der Planung «Koordination der Betreuung von suchtkranken Personen», des Sozialfonds und des Budgets des FNPG entwickelt und unterstützt. Es wurde ein Finanzierungsantrag an Gesundheitsförderung Schweiz gerichtet und ein einschlägiges ein Konsortium gegründet.

Ein paar Zahlen

Unter den 6000 in dieser Studie erfassten Leistungsbeziehenden ab 55 Jahren befanden sich 608 schwere Abhängigkeitsfälle, davon 256 Fälle mit intensivem Betreuungsbedarf. Abhängigkeitsfälle mit mittlerem Unterstützungsbedarf sind bei Spitexdiensten und Pflegeheimen stärker vertreten als Abhängigkeitsfälle mit intensivem Unterstützungsbedarf. Im stationären Behandlungszentren des FNPG gibt es mehr als doppelt so viele Abhängigkeitsfälle mit intensivem Unterstützungsbedarf als Fälle mit mittlerem Unterstützungsbedarf.

Am häufigsten von einer Suchterkrankung betroffen sind die Altersgruppen der 55- bis 64‑Jährigen und der 65- bis 74-Jährigen. Folgende Suchtproblematiken sind anzutreffen: Alkohol für mehr als 15 %, Medikamente für 11 % der 55- bis 64- und 65- bis 74-Jährigen, Tabak für 25 % bzw. 13 %. Männer sind eher von Alkoholabhängigkeit betroffen, während Frauen eher von Medikamentenabhängigkeit betroffen sind.