Freiburg als Pilotkanton
Die Anerkennung der Jenischen und Sinti als nationale Minderheit durch den Bund erfolgte im Jahr 1999 mit dem Inkrafttreten des Rahmenabkommens zum Schutz von nationalen Minderheiten. Sie zielt darauf ab, die Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung sowie zu ihrer Kultur und Geschichte zu gewährleisten. Der Kanton Freiburg hat über sein Amt für französischsprachigen obligatorischen Unterricht (FOA) als Vorreiter auf diese nationale Verpflichtung reagiert. Mit Unterstützung des Bundesamts für Kultur hat er seit 2021 ein Projekt entwickelt, das sich der Schulbildung von Kindern aus fahrenden jenischen Familien widmet und darüber hinaus darauf abzielt, das Bewusstsein für deren Geschichte, Kultur und Lebensweise zu schärfen. Diese Initiative orientiert sich an den konkreten Gegebenheiten der betreffenden Familien, Schülerinnen und Schüler und Lehrpersonen.
Ein Leitfaden für die schulische Betreuung
Es wurde ein Leitfaden für die Betreuung und schulische Förderung von Schülerinnen und Schülern aus jenischen Familien erstellt. Dieser zielt darauf ab, eine umfassende (schulische, kulturelle…) Integration zu gewährleisten, Rahmenbedingungen für die Aufnahme und den Schulbesuch unter Einbezug aller Beteiligten zu schaffen, bei den Schülerinnen und Schülern die Freude am Lernen zu wecken, die im Lehrplan vorgesehenen schulischen Kompetenzen aufzubauen und die Akteurinnen und Akteure für die Geschichte und Kultur der Jenischen zu sensibilisieren.
Pädagogische Aktivitäten während der gesamten obligatorischen Schulzeit
Um gleichzeitig die Lebensweise, die Kultur und die Geschichte dieser anerkannten nationalen Minderheit konkret zu vermitteln, wurden pädagogische Aktivitäten für die französischsprachigen Schulen im Kanton Freiburg entwickelt, die derzeit ins Deutsche übersetzt werden. Sie richten sich an die Klassen 1H bis 11H und werden in Fächern wie Französisch, Geschichte, Geografie oder auch Musik angeboten. An den deutschsprachigen Schulen steht für den 2. Zyklus derzeit das rassismuskritische Lehrmittel «Jenische, Sinti, Roma – Zuwenig bekannte Minderheiten in der Schweiz | SET» zur Verfügung.
Im ersten Zyklus sensibilisiert das Bilderbuch «En Schlepping! Les aventures de Joyce et Samuel» die Schülerinnen und Schüler für die Existenz unterschiedlicher Lebensweisen, insbesondere was das Wohnen betrifft. Die Aktivitäten für den 2. Zyklus legen den Schwerpunkt auf die Existenz unterschiedlicher Lebensweisen und die damit verbundenen Probleme und regen die Schülerinnen und Schüler an, sich eine Meinung zu bilden. Die Aktivitäten im 3. Zyklus vertiefen die Themen durch Recherchen und detaillierte Informationen. Sie beleuchten die Ursprünge und die Geschichte der Nomadengemeinschaften, die verschiedenen Arten von Halteplätzen für Menschen mit fahrender Lebensweise in der Schweiz sowie die Verfolgungen und Diskriminierungen, denen die Gemeinschaft ausgesetzt war.
In diesem Jahr fertiggestellte Unterrichtsmaterialien für den 3. Zyklus (FOA)
Die Unterrichtsmaterialien für den 1. und 2. Zyklus wurden 2023 fertiggestellt und den Lehrpersonen zur ersten Anwendung im Schuljahr 2023/24 zur Verfügung gestellt. Die Unterrichtsmaterialien für den 3. Zyklus wurden in diesem Jahr fertiggestellt.
«Eine Gesellschaft, so heisst es, misst sich daran, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht», stellte die Staatsrätin und Direktorin für Bildung und Kultur, Sylvie Bonvin-Sansonnens, am Mittwoch fest und würdigte dabei die geleistete Arbeit.
Etwa vierzig junge Jenische aus fahrenden Familien besuchen Schulen im Kanton Freiburg
Nach Angaben des Bundes leben in unserem Land zwischen 30 000 und 40 000 Schweizer Jenische und Sinti/Manouche. Etwa 10 % von ihnen praktizieren noch die fahrende Lebensweise, und ihre Kinder besuchen von November bis März die Schule in ihrer Wohnsitzgemeinde. So besuchen im Kanton Freiburg jedes Jahr rund 40 Kinder aus nomadischen jenischen Familien, die mehrheitlich französischsprachig sind, die öffentliche Schule. Sie besuchen hauptsächlich die Vignettaz-Schule in Freiburg – der einzige offizielle Halteplatz im Kanton Freiburg befindet sich in Châtillon und beherbergt die Hälfte der Familien.