Sollten in den Parlamenten und Regierungen gleich viele Frauen wie Männer vertreten sein?

Anlässlich des 50-Jahrjubiläums des Wahl- und Stimmrechts der Schweizer Frauen zieht das Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann und für Familienfragen (GFB) mit einigen Gleichstellungsthemen Bilanz über den Fortschritt der Gleichstellung.

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Warum reden wir darüber?

2019 waren 50,4 % der Bevölkerung in der Schweiz Frauen. Seit 1971 sind sie* mit dem Wahl- und Stimmrecht vollwertige Staatsbürgerinnen. Seitdem sollte die gleich starke politische Vertretung ein Ziel sein. Allerdings sind die Frauen erst zum Teil in den verschiedenen politischen Kräften vertreten.
* einzig die schweizerischen Staatsangehörigen

  • Die Gleichstellung ist ein demokratisches Unterfangen. Die politischen Entscheide betreffen die gesamte Gesellschaft, auch die Frauen, und dies in allen Lebensbereichen. Das Spektrum der in der Politik vertretenen Profile ermöglicht das bestmögliche Verständnis und Reaktion auf die Bedürfnisse der Bevölkerung.
    Abgesehen von ihrer bezahlten Tätigkeit leisten die Frauen unentgeltlich Care-Arbeit und zahlen Steuern und Sozialleistungen. Es ist nur richtig, dass sie auch gleichwertig an der Politik beteiligt sind

  • Frauen erleben (noch) Lebensverläufe, die spezifische Perspektiven auf die Herausforderungen der Gesellschaft eröffnen, da sie täglich mit den Herausforderungen der Vereinbarkeit des Familienlebens mit dem Beruf und anderen Verpflichtungen konfrontiert sind. Zudem haben Frauen ein hohes Bildungsniveau und eine berufliche Eingliederung erreicht, die für die Organisation der Gesellschaft ein Trumpf sind.

    Studien zeigen, dass die Geschlechtervielfalt in den Entscheidungsorganen zu nachhaltigeren und wirksameren Entscheiden führt. Die gesamte Gesellschaft profitiert so von einer besseren Vertretung der Bevölkerung und von einer grossen Vielfalt der Kompetenzen. 

    Man spricht von Durchmischung, wenn eine eine benachteiligte Bevölkerungskategorie mindestens 30 % ausmacht. Dadurch werden die Mitglieder dieser Gruppe nicht nur als Vertreter/innen der Gruppe wahrgenommen, sondern auch als Individuen mit eigenen Erfahrungen und Kompetenzen.

Geschichte und Gegenwart

Die Erfahrung zeigt, dass ein höherer Frauenanteil in den politischen Organen weder sichergestellt noch automatisch, rasch oder unwiderruflich ist.

  • Bundesrat

    Bis 1984 gab es wie auch zwischen 1989 und 1993 keine Bundesrätin. 1999 hatte es zwei. 2021 sind es 3, das heisst 42,9 %.

    Noch nie war eine Freiburgerin Bundesrätin.

    Ständerat

    Auf nationaler Ebene waren 2019 von den 46 Sitzen des Ständerats 26,1 % von Frauen besetzt.

    Freiburg wird zum ersten Mal von einer Frau und einem Mann vertreten (seit 2019).

    Nationalrat

    Eine Nationalrätin vertrat Freiburg ab 1971, danach keine zwischen 1983 und 1987. Anschliessend stellte Freiburg zwischen 0 (während zwei Legislaturperioden) bis zur heutigen Mehrheit von 4 (seit 2019) Nationalrätinnen.

    Staatsrat
    Freiburg

    In Freiburg wurde die erste Staatsrätin 1986 gewählt. Während fünfzehn Jahren waren es zwei Staatsrätinnen und während nur wenigen Monaten waren es drei (2011–2013). 2021 hat es eine Staatsrätin.

    Grosser Rat
    Freiburg

    1971 wurden 8 Frauen in den Freiburger Grossen Rat gewählt. Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich die Vertretung der Frauen langsam. 2016 (nach den Wahlen) waren 33 Frauen und 77 Männer gewählt, der gleiche Prozentsatz wie auf Bundesebene. Seit 1971 kannte Freiburg insgesamt 134 weibliche und 518 männliche Abgeordnete.

    Die Abgeordneten in den Städten, Gemeinden und Bezirken

    Nach den Wahlen von 2016 machten die Frauen ungefähr einen Viertel der Mitglieder der Gemeinderäte im Kanton Freiburg aus und 28,9 % der Legislative. 14,9 % der Gemeinden hatten eine Präsidentin. Im Jahr 2021 werden erstmals Frauen im Generalrat der Stadt Freiburg in der Mehrheit sein.

    Oberamtfrauen gibt es keine. Diese Situation ist seit 1971 in allen sieben Bezirken unverändert.

Warum genügt dies nicht?

  • Es ist wichtig, dass in allen politischen Organen und auf allen Ebenen Frauen vertreten sind. In Freiburg zeigen die Ergebnisse aktuell ein gemischtes Bild.

    Der Frauen*streik vom 14. Juni 2019 gab dem Frauenanteil in einigen politischen Organen Aufschwung: Dieses Ergebnis muss dauerhaft gesichert werden. In anderen Organen erleben wir eine Stagnation auf sehr tiefem Niveau.

Wie kann das Problem behoben werden?

Um eine nachhaltige Gleichstellung zu erreichen, müssen die Hindernisse für den Zugang und die Beteiligung der Frauen in den politischen Kreisen analysiert und konkrete, proaktive und notwendige Massnahmen ergriffen werden. Dazu gehören:

  • •    Den Platz der Frauen in der Politik zur Norm und zu einer Priorität machen. Die bestehenden Modelle aufwerten.
    •    Die Frauen in der Politik mit einer echten Sichtbarkeit in den Medien fördern, ohne Klischees.

  • •    Entwicklung von Funktionsweisen, die den Bedürfnissen der Frauen und den erfahrenen Einschränkungen entsprechen.
    •    Verbesserung der Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und sozialem oder politischem Engagement: Diese Herausforderung ist keine Privatsache.
    •    Mobilisierung der Wählerschaft für die Wahl von Frauen.

  • •    Verpflichtung, möglichst rasch langfristige Strategien für einen geschlechtergerechten Nachwuchs zu entwickeln.
    •    Umsetzung, wenn dies Teil ihrer Organisationskultur ist, von Quoten für die Listen und/oder Organisation und Finanzierung von Frauensektionen.
    •    Wahl von Frauen in die Parteiorgane, in die externen Kommissionen, die Macht haben, sowie für die Medienberichterstattung.
    •    Würdigung von guten Beispielen durch das Sichtbarmachen der Kompetenzen und Errungenschaften der Kandidatinnen und der gewählten Frauen.

  • •    Sich organisieren.
    •    Sich von partizipativen Modellen inspirieren lassen, die in der aktuellen sozialen Bewegung entwickelt werden.
    •    Konkreter Einsatz für die Gleichstellung.
    •    Sich in den Machtspielen üben – und in den Räten Einsitz nehmen.

Die Arbeit des GFB

Für das GFB ist die Politik der Schlüssel für die Gleichstellung von Frau und Mann. Denn in der Politik werden alle Bereiche des gemeinschaftlichen Lebens konkret umgesetzt, weil hier die Entscheidungen für die Gesellschaft getroffen werden.

Damit die Protagonist∙inn∙en die Situation analysieren und handeln können, werden verschiedene Hilfsmittel entwickelt, um die Gleichstellung auf allen politischen Ebenen des Kantons zu fördern.

  • Mit Analysen und Empfehlungen liefert das GFB Längsschnittdaten zum Platz der Frauen in den verschiedenen politischen Organen unseres Kantons (seit 1971).

  • Das GFB unterstützt die Protagonist∙inn∙en mit folgenden Aktionen:
    •    Anbieten von Workshops für das Verständnis und die Aktivierung der Rädchen und Positionierungen der Macht;
    •    aktive Entwicklung des Netzwerkens zwischen Kandidatinnen und gewählten Frauen;
    •    Bekanntmachung der Stimme und der Sichtbarkeit der Frauen in der Politik und Aufruf an die Medien, stereotype Darstellungen zu vermeiden;
    •    Organisation von Treffen mit dem Präsidium oder den Versammlungen der Parteien um sie zu ermuntern, Strategien für die Gleichstellung in der politischen Vertretung zu entwickeln.

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Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann und für Familienfragen (GFB)