«Macht und Frauen scheinen noch immer eine schwierige Kombination zu sein»
Seit 1971 sind die Schweizer Frauen mit dem Wahl- und Stimmrecht vollwertige Staatsbürgerinnen. Für die Schweiz war es ein Schlüsselfaktor einer modernen Demokratie, die Hälfte der Bevölkerung einzubeziehen und zu beteiligen, und Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Interessen in den Zentren der politischen Entscheidungsfindung zu vertreten. Während das Wahlrecht für Frauen heute eine Selbstverständlichkeit ist, herrscht noch immer keine Parität bei den verschiedenen politischen Kräften.
Seit 2010 veröffentlicht das Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann und für Familienfragen (GFB) des Kantons Freiburg nach jedem Wahlzyklus eine Statistik über die Vertretung der Freiburgerinnen in der Politik, und vergleicht sie mit der Situation auf nationaler Ebene. Diese andauernde Arbeit ermöglicht es, den Weg der Repräsentation von Frauen in der Politik über die Jahrzehnte hinweg zu verfolgen und Empfehlungen zu formulieren, damit die Stellung von Frauen in der Politik weiter verbessert wird.
Tanja Bauer, mit der Erlangung des Wahlrechts 1971 mussten sich die ersten Politikerinnen ihren Weg in eine institutionelle politische Welt bahnen, die von Männern für Männer geschaffen war. Ist der Zugang zur politischen Bühne 53 Jahre später leichter geworden? Was sind die Errungenschaften?
Zu Beginn wurden sehr wenige Frauen gewählt. Das sieht man zum Beispiel gut im Berner Grossratssaal, wo die Namen der ersten Grossrätinnen in deren Sitzen eingraviert sind. Es ist unglaublich, was diese Frauen aus verschiedenen politischen Lagern für uns geleistet haben. Sie haben diese Welt wirklich verändert, indem sie sichtbar anders waren und politisiert haben. Am Anfang war es sicher schwer, aber ich denke, es hat sich klar verbessert – dank dieser Pionierinnen und dank der Frauen, die danach gekommen sind. Unterdessen gibt es sogar Parlamente mit einer Frauenmehrheit. Es ist eine wichtige Errungenschaft, dass es nicht mehr so seltsam ist, als Frau in einen Ratssaal zu gehen.
Gleichzeitig müssen wir auch feststellen, dass es nicht überall Verbesserungen gegeben hat. Man sieht eindeutig, dass Frauen in den Legislativen mit Proporzwahlen und vielen Sitzen bessere Chancen haben. In Exekutiven oder bei Majorzwahlen, wie Ständerats- oder Regierungswahlen, sieht man sofort ein ganz anderes Bild. Dort kann es auch wieder rückwärtsgehen. Es braucht auch heute noch Anstrengungen, damit Gleichstellung in der Politik erreicht wird. Was sind heute die Haupthindernisse für den weiblichen Nachwuchs in der Politik?
Unsere Gesellschaft! Politik findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern sie ist ein Abbild unserer Gesellschaft sowie ihrer Machtverhältnisse und ihrer Vorstellungen. Diese Vorstellungen über Frauen, über weibliche Attribute, über Stereotype sind immer noch sehr stark verankert. Macht und Frauen scheint noch immer eine schwierige Kombination zu sein. Neben den Stereotypen ist auch die Rollenteilung in der Gesellschaft eine wichtige Herausforderung: Die unbezahlte Arbeit wird noch immer hauptsächlich von Frauen gemacht. So fehlt oft die Zeit um neben Beruf und unbezahlter Arbeit noch zu politisieren. Ein drittes wichtiges Thema sind die finanziellen Ressourcen: Wir wissen, dass Frauen tendenziell in Branchen mit tiefen Löhnen oder unbezahlt arbeiten. Es ist viel schwieriger, wenn man einen schlechten Lohn hat, nur Teilzeit zu arbeiten, damit es im Milizsystem noch für Politik reicht. Für Frauen ist es risikoreicher, einen solchen Erwerbsausfall in Kauf zu nehmen.
Welche Fähigkeiten brauchen Politikerinnen, um in der Politik erfolgreich zu sein? Sind es heute andere Fähigkeiten als die eines jungen Politikers?
Eigentlich sollte es nicht diese eine Fähigkeit brauchen. Ich wünsche mir, dass unterschiedliche Frauen mit unterschiedlichen Kompetenzen und auch unterschiedliche Männer mit unterschiedlichen Kompetenzen Politik machen können. Eine Fähigkeit möchte ich trotzdem herausstreichen: Frauen müssen hartnäckiger sein. In der Politik erleidet man immer wieder Niederlagen, bei Sachthemen oder bei Wahlen. Ich beobachte, dass Frauen Niederlagen viel weniger verziehen werden als Männern. Das kommt davon, dass Frauen sehr stark aufgrund ihrer Leistung bewertet werden und Männer viel mehr aufgrund ihres Potenzials. Darum ist für Frauen jede Niederlage sehr einschneidend, auch wenn sie gar nichts mit ihren Kompetenzen zu tun hat. Das ist unfair. Um das zu ändern, muss Frau eine ziemlich dicke Haut haben. Und es braucht ein gutes Umfeld, das einem stärkt und ermuntert, weiter zu machen.
Was brauchen Politikerinnen noch, um sich von der Masse abzuheben und Rückschläge leichter zu überwinden?
Frauen brauchen Netzwerke. Deshalb ist es wichtig, dass sie ihre Zeit auch hier investieren. Die Beziehungspflege beherrschen Frauen im privaten Bereich sehr gut. Sie müssen sie aber auch für sich selbst nutzen oder für die Anliegen, die ihnen wichtig sind. Zudem ist Ermutigung wichtig: Wie mit anderen Dingen wird es auch in der Politik mit der Zeit einfacher. Je mehr etwas gemacht wird, desto besser können wir es, desto lieber machen wir es, desto wohler fühlen wir uns. Es ist daher sinnvoll, wenn auch die Parteien oder das private Umfeld die Frauen motivieren und positive Feedbacks geben. Ich habe angefangen, es Frauen zu sagen: «Das war super, wie du das gemacht hast». Es hat jedes Mal einen guten Einfluss auf diese Frauen gehabt und sie enorm motiviert. Das positive Feedback verstärkt den Mut für einen nächsten Schritt und sich zu exponieren. Das ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.
Gehören Politikerinnen im Jahr 2024 zur Normalität? Kann man sich selbst und authentisch sein?
In der Politik ist es enorm wichtig, authentisch zu sein. Doch wie geht das in einem Umfeld, in dem ich zuerst als Frau und nicht als Individuum erkannt werde? Im Alltag hilft es mir persönlich, verschiedenste Frauen der Exekutive in meinem Kopf Revue passieren lassen. Heute gibt es im Bundesrat drei Frauen, die ganz unterschiedliche Persönlichkeiten sind und unterschiedliche Herangehensweisen haben.
Denn Frauen sind genauso unterschiedlich wie Männer. Das Geschlecht allein sagt noch nichts aus über die Führung, die Kommunikation oder die Art wie Dossiers bearbeitet werden. Ich glaube, dass diese Palette an unterschiedlichen Herangehensweisen zunimmt. Als Politikerin finde ich das enorm wertvoll. Lange Zeit haben wir nur die allerbesten Frauen zu sehen bekommen, weil es sonst niemand geschafft hat. Heute ist es auch mal möglich, als Frau etwas falsch zu machen – ohne dass es gerade zu einem Rücktritt kommt. Der Bundesrat ist dieses sichtbare, sehr mediatisierte Gremium, wo wir Frauen auf schlimme Art und Weise haben scheitern sehen. Unterdessen ist es besser geworden, auch wenn es noch Verbesserungspotential gibt.
Politikerinnen haben heute mehr Spielraum für Fehler; müssen sie trotzdem weiterhin mehr tun als Politiker, um ihren Platz zu behaupten?
Politikerinnen werden nach wie vor oft anders wahrgenommen. In Artikeln über mich waren meine Kinder ein grosses Thema, das ging bis zur Schlagzeile ob das Amt gut für meine Kinder sei. Dass ich auch Kompetenzen mitbringe, war nebensächlich. Auch heute ist eine der wichtigsten Fragen bei Frauen jene nach dem Privatleben. Diese Frage wird vermutlich auch gewissen Männern gestellt, aber bei Frauen ist es die erste und absolut zentrale Frage. Die Kompetenzfragen kommen später. Auch die Wahrnehmung von Erfolgen ist oft unterschiedlich: Wenn es gut läuft werden bei Frauen öfter äussere Umstände dafür verantwortlich gemacht. Umkehrt, wenn es schlecht läuft, dann ist die Politikerin nicht fähig. Da herrscht ein Missverhältnis.
Wieso wird die Frage der Vereinbarkeit mit dem Privat- und Familienleben bei Politikerinnen so oft gestellt?
Ich finde sehr interessant, dass sich Leute – obwohl ich Gemeindepräsidentin bin – sehr viele Gedanken zu meinem Familienleben und meiner Rolle als Mutter machen. Wie Politiker brauche auch ich Entlastung von der Familien- und Hausarbeit. Bei Männern wird automatisch angenommen, dass sie bei dieser unbezahlten Arbeit Unterstützung haben. Frauen müssen immer zuerst beweisen, dass sie Zuhause nicht gebraucht werden. Ich muss die Leute beruhigen und ihnen versichern: «Ja, den Kindern geht es gut. Es ist alles organisiert. » Um den Blick auf Politikerinnen mit Familienaufgaben zu ändern, braucht es ein anderes Rollenverständnis. Denn es ist nicht nur eine individuelle Frage, wie die unbezahlte Familienarbeit aufgeteilt wird, sondern auch eine gesellschaftliche. Was bedeutet es, wenn es für die Hälfte der Bevölkerung so viel schwerer ist, ein politisches Amt wahrzunehmen, weil sie noch andere Aufgaben hat? Wir müssen diese unbezahlte Arbeit dringend besser aufteilen und sie sichtbar machen. Es liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, um mehr Gleichberechtigung in den verschiedenen politischen Kräften zu erreichen. Unsere Gesellschaft muss sich weiterentwickeln, es bedarf konkreter Vorkehrungen für eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben, Beruf und politischem Leben. Was benötigt es sonst noch, um die Parität voranzutreiben?
Eine sehr wichtige Rolle kommt den politischen Parteien zu, denn sie nominieren die Kandidierenden. Werden keine Frauen nominiert, können auch keine Frauen gewählt werden. Was es für die Parität sonst noch braucht, variiert von Partei zu Partei. Eine Studie von mir hat gezeigt, dass vordere Listenplätze für Frauenkandidaturen nicht immer zum Ziel geführt haben. Bei einigen Parteien war der Effekt positiv, bei anderen wurde das aber von den Wählenden schlecht aufgenommen und eher bestraft, weil so der Eindruck einer Quotenfrau entstand. Das zeigt: Nicht alle Parteien brauchen das gleiche Instrument. Wichtig ist, dass sich die Parteien überlegen, wie sie aktiv dazu beitragen könnten, dass die Diversität der Gesellschaft gut in den politischen Institutionen abgebildet werden kann. Es braucht Massnahmen, von allein geht es nicht vorwärts. Im Moment erlebe ich in der Gesellschaft eine hohe Sensibilität dafür, dass es positiv und modern ist, Frauen auf der Liste zu haben. Das hat sicher mit dem Frauenstreik zu tun. Wir haben das aber schon einmal in den 90er-Jahren erlebt, und dann gab es wieder einen Backlash. Deshalb ist es wichtig ein Bewusstsein für die Gleichstellungsfrage zu bilden. Ereignisse wie der Frauenstreik können dieses Bewusstsein sehr gesellschaftsfähig machen, aber es kann auch wieder vergehen. «Ce n’est jamais acquis».
Was ändert sich letztendlich, wenn mehr Frauen in politischen Gremien sitzen, und welche Auswirkungen hat dies auf die Gleichstellung?
In der Demokratie sollen alle vertreten sein können und mitbestimmen. Daher ist eine gleichberechtigte Vertretung von Frauen und Männern an und für sich wichtig. Es sind auch nicht einfach die Frauen zuständig für die Gleichstellung. Themen wie Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Schutz vor Gewalt und unbezahlte Care-Arbeit ist für die gesamte Gesellschaft relevant. Aber aus verschiedenen Untersuchungen geht hervor, dass mehr Frauen in einem Gremium einen positiven Einfluss auf die Gleichstellung haben, weil sie diese Fragen aus ihrem Alltag und aus eigenen Erfahrungen kennen und ihnen daher insgesamt einen grösseren Wert beimessen. Eine bessere Vertretung von Frauen führt in der Tendenz dazu, dass Gleichstellungsthemen eher auf der politischen Agenda landen, wo sie auch dringend hingehören. Gleichstellung ist aber nicht nur Frauensache, die Männer sind genauso davon betroffen, dafür müssen sich alle einsetzen. Interview: Sophie Delessert
Tanja BauerTanja Bauer ist Gemeindepräsidentin von Köniz und war von Juni 2018 bis Mai 2026 Grossrätin des Kantons Bern. Die Politologin war während mehreren Jahren im GFB tätig, wo sie im Bereich Gleichstellung und Politik mehrere Analysen und Publikationen erstellte.
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- Femmes et politique en Suisse : Luttes passées, défis actuels, 1971 – 2021, Sabine Kradolfer, Marta Roca i Escoda. Neuchâtel, Éditions Alphil, 2021 BEF 342.82(09)-5
- Schweizer Politfrauen: 21 Porträts, die inspirieren, Nathalie Christen, Linda Bourget, Simona Cereghetti. Zürich, Ringier, 2021 BEF 342.60(09)-3