Die erste Welle der Corona-Krise hatte nicht die gleichen Auswirkungen auf alle Personen ab 65 Jahren und führte zu interindividuellen Unterschieden und einer Verschärfung bereits fragiler Situationen

5. November 2020 -13h20

Vom 17. April bis 3. Juni 2020 beantworteten über 5000 Personen aus der ganzen Westschweiz einen Fragebogen der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg (HSA-FR) zum subjektiven Erleben von Personen ab 65 Jahren in der ersten Welle der COVID-19-Krise. Als Teil der «besonders gefährdeten Personen» waren Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren von den Massnahmen der Behörden zur Bekämpfung des Coronavirus direkt betroffen. Dennoch waren ihre Stimmen in den öffentlichen Debatten nur selten vertreten. Die von der HSA-FR lancierte Studie hatte zum Ziel, ihnen in dieser aussergewöhnlichen Zeit Gehör zu verschaffen und ihre Meinungen zu erfassen.

Der Schlussbericht dieser Studie wird am 5. November veröffentlicht.

COVID65+ © Etat de Fribourg - Staat Freiburg - HETS-FR

Die erhobenen Daten zeigen, dass die Corona-Krise negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Personen ab 65 Jahren hatte. Die Krise drückte auf die Stimmung und verstärkte das Gefühl der Einsamkeit. Die Befragten nahmen die Krise aber nicht nur passiv hin: Sie blieben aktiv und entdeckten neue Möglichkeiten, um den Kontakt mit ihren Angehörigen zu pflegen. Sie nahmen nicht nur Hilfe in Anspruch, sondern unterstützten auch Personen, die nicht im gleichen Haushalt leben, und übernahmen bei der Bewältigung des Alltags neue Aufgaben. Die Krise hat auch zu einem negativen Bild von Personen ab 65 Jahren geführt und Spannungen zwischen den Generationen hervorgerufen. Diesbezüglich denkt die Hälfte der Befragten, dass sich das Bild, das jüngere Generationen von Personen ab 65 Jahren haben, (sehr) negativ verändert hat. 25 % geben an, aufgrund ihres Alters ungerecht behandelt worden zu sein.

Schliesslich zeigen die Analysen, dass die Krise nicht die gleichen Auswirkungen auf alle Personen ab 65 Jahren hatte. Je nach Beziehungsstatus, finanzieller Situation, Alter oder Geschlecht bestehen zwischen den einzelnen Personen unterschiedliche Meinungen, zum Beispiel hinsichtlich der erhaltenen und angebotenen Unterstützung, der Übernahme von neuen Aufgaben oder des Gefühls von ungerechter Behandlung. Die Krise führte zudem zu grösseren interindividuellen Unterschieden und einer Verschärfung bereits fragiler Situationen. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass sich das Gefühl der Einsamkeit während der Krise bei jenen Personen am meisten verstärkte, die sich bereits vor der Krise am einsamsten gefühlt hatten.

Die Fragebogenstudie wird derzeit qualitativ vertieft und in den kommenden Wochen wird dank einer Finanzierung der Fondation Leenaards eine Folgebefragung lanciert.


Dokumente verfügbar unter (nur auf Französisch): www.hets-fr.ch
• Vollständiger wissenschaftlicher Bericht (auf Französisch)
• Zusammenfassung mit erläuternden Abbildungen
  (auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch)

Kontakte:
• Christian Maggiori, Professor und Leiter der Studie, 026 429 62 81, christian.maggiori@hefr.ch
• Maël Dif-Pradalier, Professor und Professor und Dekan für Weiterbildung und Dienstleistungen,
  026 429 62 95, mael.dif-pradalier@hefr.ch
• Nelly Plaschy-Gay, Kommunikationsverantwortliche, 079 750 86 03, nelly.plaschy-gay@hefr.ch