Das Kraut der Bettler und Lausbuben
Einblick in die Herbarsammlungen des Naturhistorischen Museums Freiburg
Veröffentlicht am 29. Dezember 2025 - 11h10
Sie ist für Gärtnerinnen und Gärtner ein echter Albtraum: die Gewöhnliche Waldrebe (Clematis vitalba): Die Kletterpflanze, die in der ganzen Schweiz vorkommt, breitet sich munter in Hecken und Buschwerk aus und stiehlt den sorgsam gepflanzten Bäumen und Sträuchern das Licht. Ihre langen und schnell wachsenden Lianen können nahezu undurchdringliche, unschöne Dickichte bilden. Und als wäre das nicht genug, sind Blätter und Saft stark hautirritierend und rufen Bläschen und Schwellungen hervor.
Gerade diese Eigenschaft hat der Pflanze im Mittelalter zu zweifelhaftem Ruhm verholfen: Bettler rieben sich damals mit dem Pflanzensaft Gesicht und Hände ein, um mit ihrem damit erzielten mitleiderregenden Aussehen die Spendenbereitschaft der Passanten zu erhöhen. Wurden die Hautreizungen zu unangenehm, gab es übrigens ein einfaches Gegenmittel: Mangoldblätter sorgten für rasche Linderung.
Die Pflanze ist wegen dieser Vergangenheit in manchen deutschsprachigen Gebieten auch als Bettlerskraut bekannt. Andere deutsche Namen sind Brennkraut, Bocksbart, Teufelszwirn oder Hexenstrang. In der Schweiz ist vor allem der Mundartausdruck Niele geläufig. Manch einem mag aus seiner Jugend noch das Nielen-Rauchen in Erinnerung sein, das heimliche Rauchen der trockenen Stängel der Pflanze.
Gärtnerinnen und Gärtner sind auf jeden Fall gut beraten, beim Ausreissen der Pflanze Handschuhe zu tragen. Ob sie hinterher zur Belohnung eine Niele rauchen wollen, sei ihnen selbst überlassen …
Text: Sébastien Bétrisey
Herausgegeben von Naturhistorisches Museum Freiburg
Letzte Änderung: 09.01.2026 - 09h22