Beschreibung der Situation
Frau G., 81 Jahre, Alkohol, keine kognitiven Beeinträchtigungen, lebt alleine (ein benachbarter betreuender Angehöriger kümmert sich um sie). Sie wird wegen Diabetes behandelt.
Hintergrund
- Phase 1 (SPITEX): Im Rahmen der Diabetesbehandlung stellt der Pflegefachmann unerklärliche Blutzuckerwerte fest. Frau G. versteckt Sherry-Flaschen hinter ihren Büchern.
- Phase 2 (SPITEX): Sie bittet die Familienhilfe, ihr im nahegelegenen Supermarkt Alkohol zu kaufen.
Begleitung der betreuten Person
Die Ambivalenz der Person (Verlangen nach Alkohol / Wissen, dass dies problematisch ist) ist normal und sollte angeschaut werden. Mit motivierender Gesprächsführung kann die Ambivalenz ohne Konfrontation angesprochen werden.
Die Frage der Alkoholkäufe ist separat zu betrachten: Das Personal darf klar sagen, dass es diese Käufe nicht ausführen kann und die Gründe dafür nennen (berufliche Verantwortung, Gesundheit der Person).
Das Vertrauensverhältnis wird langfristig aufgebaut, durch die Regelmässigkeit und die Qualität des Austauschs. Um das Thema Alkohol anzusprechen, ohne die Beziehung zu gefährden, sind mehrere Punkte wichtig:
- Antizipieren, anstatt auf eine Krise zu reagieren: nicht warten, bis eine kritische Situation entsteht, um den Dialog zu suchen.
- Den richtigen Moment wählen: einen ruhigen, für den Austausch geeigneten Rahmen wählen und jegliche Aufdringlichkeit vermeiden.
- Vom allgemeinen Wohlbefinden ausgehen: mit offenen Fragen zur allgemeinen Situation der Person, zu ihren Erfahrungen und Empfindungen beginnen.
- Zuerst auf die Auswirkungen eingehen, bevor die Frage nach dem Konsum gestellt wird: zunächst die Schwierigkeiten oder Folgen thematisieren, die Alkohol haben kann, und nicht direkt die Konsumgewohnheiten und Gesundheitsprobleme ansprechen.
- Eine wertfreie Haltung einnehmen: wohlwollend über den Konsum sprechen, nicht moralisierend oder anklagend.
- Erlebnisse immer validieren: die geäusserten Erfahrungen und Emotionen anerkennen, bevor Alternativen oder Änderungsansätze in Betracht gezogen werden.
Ein Alkoholentzug sollte nie ohne medizinische Betreuung angegangen werden, da er potenziell tödlich sein kann (Delirium tremens, Krampfanfälle). Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt beurteilt den Abhängigkeitsgrad und entscheidet, ob ein Entzug in Absprache mit der betreuten Person notwendig ist.Bei einer älteren Person mit Diabetes ist die Überwachung des Blutzuckers ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt.
Die Verheimlichung zeugt häufig von Scham oder Angst, verurteilt zu werden: Mit Wohlwollen und nicht mit Argwohn darauf zu reagieren ist von entscheidender Bedeutung. Einen regelmässigen, vertrauensvollen und wertfreien Gesprächsraum schaffen. Die versteckten Flaschen neutral ansprechen (Formulierungsbeispiel: «Ich habe die Flaschen bemerkt und möchte gerne mit Ihnen darüber sprechen, wie sich Alkohol auf Ihre Diabetes auswirken kann»). Die pflegenden Angehörigen sollten schrittweise einbezogen werden, wenn die betreuten Personen damit einverstanden sind. Damit kann die Isolation verringert werden, die den Konsum begünstigt und das Risiko der Triangulation erhöht.
Interprofessionelle Zusammenarbeit
Im Rahmen einer professionellen Pflegebeziehung ist der Kauf von Alkohol für suchtkranke betreute Personen nicht angemessen, da dies der Pflicht, nicht zu schaden, zuwiderläuft. Die professionelle Antwort ist klar, aber empathisch: «Das ist etwas, das ich nicht für Sie tun kann, weil mir Ihre Gesundheit wichtig ist.» Wenn man sich auf die allgemeinen Bedingungen des Dienstes bezieht, kann man vermeiden, diese Entscheidung alleine zu tragen. Die Familienhilfe kann darin geschult werden, die Problematik wohlwollend anzusprechen.
Jede Person, die beruflich Hilfe oder Pflege zu Hause erbringt, sollte für folgende Signale sensibilisiert werden: Unerklärliche Blutzuckerwerte trotz unveränderter Behandlung, Gewichtsverlust, Mangelernährung, Zeichen einer Dehydrierung, Alkoholgeruch bei den Besuchen, Gleichgewichts- oder Koordinationsstörungen usw. Entsprechende Vorfälle müssen im Dossier vermerkt und weitergegeben werden, auch wenn sie nur gelegentlich vorkommen. Solche Anzeichen können auf einen versteckten Konsum oder ein Problem im Zusammenhang mit der Medikamenteneinnahme hindeuten.
Die Koordination beruht auf einer interdisziplinären Zusammenarbeit, die aufgenommen werden sollte, sobald mehrere Beteiligte übereinstimmende Anzeichen festgestellt haben, die auf einen Konsum schliessen lassen, selbst wenn dieser noch nicht anerkannt oder ausgesprochen ist:
- Beobachtungen teilen: die Fakten zusammentragen, unter Einhaltung des gesetzlichen Rahmens und der Vertraulichkeit.
- Unterschiedliche berufliche Blickwinkel austauschen: komplementäre Kompetenzen nutzen, um das Verständnis für die Situation zu schärfen.
- Isolierte Massnahmen vermeiden: auf ein abgestimmtes Vorgehen setzen, um die Kohärenz und Kontinuität der Interventionen zu gewährleisten.
- Eine gemeinsame Strategie festlegen: sich auf Ziele, den angemessenen Zeitpunkt für ein Gespräch zum Thema und die einzunehmende Haltung einigen.
- Diskretion wahren: vorsichtig vorgehen, um die Person nicht zu destabilisieren oder die Vertrauensbeziehung zu gefährden.
Institutioneller Rahmen
Hier sollte man auf die allgemeinen Bedingungen der Spitex und den bestehenden Rahmen des internen Verfahrens verweisen, in dem Folgendes festgelegt wird: Das Pflege- und Hilfspersonal darf im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit keinen Alkohol für die betreuten Personen kaufen. Die entsprechende Richtlinie muss allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bekannt sein. Sie schützt das Pflegepersonal, die betreuten Personen und die Organisation.