Die letzten Jäger und Sammler des Kantons Freiburg zwischen Tradition und Innovation

14. August 2020 -14h30

Der 27. Band der Reihe Freiburger Archäologie erscheint in neuer digitaler Form!

Der Schutz der archäologischen Kulturdenkmäler beruht auf einer wissenschaftlichen Vorgehensweise, bei der es darum geht, aus Beobachtungen von materiellen Überresten neue historische Erkenntnisse zu gewinnen, die an verschiedene Zielgruppen weitergegeben werden. In der Reihe Freiburger Archäologie (Band 27), herausgegeben vom Amt für Archäologie des Kantons Freiburg (AAFR), wird diesen Sommer eine wichtige Doktorarbeit in Form einer digitalen Monografie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Diese Monografie befasst sich hauptsächlich mit der Steinindustrie der letzten Jäger und Sammler, die am Felsüberhang von Arconciel/La Souche gelebt haben, insbesondere mit der Entwicklung ihrer Techniken in der Steinbearbeitung. Die internationale Bedeutung dieser mittelsteinzeitlichen Fundstätte, zwischen Tradition und Innovation, wird durch ihren Beitrag zum Verständnis der «neolithischen Revolution» noch verstärkt: Der Übergang von einer jahrtausendealten nomadisierenden Lebensweise und vorwiegender Wildbeuterwirtschaft zu Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit.

Das 27. Band der Reihe Freiburger Archäologie
Das 27. Band der Reihe Freiburger Archäologie © Alle Rechte vorbehalten

Diese neue Publikation befasst sich insbesondere mit den Funden, die bei einem Dutzend Grabungskampagnen und Lehrgrabungen an der mittelsteinzeitlichen Fundstätte von Arconciel/La Souche während des Projekts unter der Leitung von Michel Mauvilly, dem Leiter des Sektors Ur- und Frühgeschichte des AAFR, gefunden wurden. Dieses Abri am Fusse einer steilen Felswand befindet sich in der Nähe der Abtei Altenryf (Kloster Hauterive) in der Saaneschlucht. Die für die europäische Vorgeschichte aussergewöhnliche Überlagerung von Schichten lieferte viele neue Informationen über die letzten Jäger und Sammler in der Schweiz und damit wertvolle Erkenntnisse für das Verständnis des Übergangs zwischen den letzten Jägern und Sammlern und den ersten Bauern und Viehzüchtern. Das internationale Team, das an dem Ausgrabungs- und Studienprojekt beteiligt ist, führt seine Nachforschungen noch weiter. Dieser Band 27 der Reihe Freiburger Archäologie ist das erste von drei monografischen Werken, die dem Fundgut von Arconciel/La Souche gewidmet sein werden.

Diese Studie widmet sich insbesondere der Entwicklung der Steinwerkzeuge, die während der Nutzung der Stätte unter dem schützenden Felsüberhang an den Ufern der Saane hergestellt wurden. Die Menschen, die diese Werkzeuge herstellten, lebten vom Jagen, Fischen und Sammeln und wechselten ihre Standorte sporadisch, lebten also sicherlich abwechselnd in den Ebenen und anderen Siedlungen in den Voralpen (Nomadentum). Ihre Lebens- und Wirtschaftsweise kennzeichnet eine Epoche, die als Mesolithikum (Mittelsteinzeit) bezeichnet wird. In dieser Zeit erlebte Europa eine seiner bedeutendsten wirtschaftlichen Umwälzungen. Ausgehend vom Nahen Osten breitete sich allmählich eine neue Lebensweise aus, die auf Landwirtschaft, Viehzucht und auch dem Bau fester Dorfsiedlungen beruht: Die Neolithisierung (Verbreitung des Ackerbaus und der Viehhaltung) erreichte unsere Region und verdrängte die Traditionen der Jäger und Sammler. Sobald sich diese neue Wirtschaft etabliert hat, spricht man vom Neolithikum oder der Jungsteinzeit. Die Lagerstätte von Arconciel/La Souche wurde etwa zwischen 7000 und 4900 v. Chr., am Ende der Mittelsteinzeit und am Übergang zur Neusteinzeit, besiedelt. Für diese Übergangsperiode versuchten die archäologischen Fachleute herauszufinden, wie die Populationen der Region Freiburg und ganz allgemein der Westschweiz in einem bewegten europäischen Umfeld Tradition und Innovation miteinander verbunden haben. Daher bilden die Techniken der Herstellung von Steinwerkzeugen ein unschätzbares Studienobjekt für diesen Zeitraum. Durch das verwendete Material und das handwerkliche Wissen zeugen sie von den Veränderungen und dem Austausch zwischen mehreren Bevölkerungsgruppen, aber auch von der manchmal starken Bindung an regionale Traditionen. Die Forschungsarbeit, die in diesem neuen Werk veröffentlicht wird, verdeutlicht die Besonderheit der Region Freiburg zu dieser Zeit und wirft Fragen zu den verschiedenen gesellschaftlichen Übergangsprozessen auf.

Diese Studie, die von Laure Bassin unter der Leitung der Professoren Matthieu Honneger (Universität Neuenburg) und Philippe Della Casa (Universität Zürich) durchgeführt wurde, kam dank eines Stipendiums des Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und mit der Unterstützung des AAFR zustande. Ihr Höhepunkt bildete die Verteidigung einer Doktorarbeit und die Vergabe eine wohlverdienten Doktortitels.

Mit dieser neuen Publikation, die über den folgenden Link (https://www.saef.ch/publications/AF27/Archeologie_Fribourgeoise_27.pdfeingesehen werden kann, wagt sich das Amt für Archäologie in den neuen Bereich der digitalen Publikationen. Digitale Monografien lassen sich leicht verbreiten, bieten Navigationshilfen, können kostengünstig produziert werden und sind leicht zugänglich und lesbar; mit ihnen lässt sich ein nationales und internationales Publikum, sowohl Fachleute als auch Laien, effektiver erreichen. Dem gesamten technischen und wissenschaftlichen Personal des AAFR, das zum Erfolg dieses Werkes beigetragen hat, gebührt grossen Dank. Die Publikation bildet den Höhepunkt eines Prozesses, bei dem Wissenschaft und kreative Gestaltung Hand in Hand gegangen sind, um ein hochwertiges Produkt anzubieten, das sich für das Zeitalter der digitalen Wissensvermittlung eignet.