Sollte die Erziehung zur Gleichstellung auf allen Schulstufen obligatorisch sein?

Anlässlich des 50-Jahrjubiläums des Wahl- und Stimmrechts der Schweizer Frauen zieht das GFB mit einigen Gleichstellungsthemen Bilanz über den Fortschritt der Gleichstellung.

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Warum reden wir darüber?

Auch wenn die Gleichstellung von Frau und Mann gesetzlich verankert ist, werden die Buben und Mädchen unterschiedlich und nach Geschlechterstereotypen sozialisiert. Dies wirkt sich auf ihre Lebensentwürfe aus, welche manchmal ihren eigentlichen Zielen und Kompetenzen zuwiderläuft.

  • Geschlechterstereotypen oder auch Geschlechterrollen sind allgemeine Glaubenssätze zu Personen aufgrund ihres Geschlechts. Sie beziehen sich auf persönliche Eigenschaften wie Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensweisen.

  • Die geschlechtsspezifische Sozialisation besteht im Erwerb von bzw. der Anpassung an bestimmte Verhaltensweisen, welche aufgrund der Stereotypen erwartet werden, und dies ab der Kindheit und während des ganzen Lebens. Diese Erwartungen wirken sich auf den Lebensverlauf aus und können, wenn nicht darauf geachtet wird, in der Schule vermittelt werden.

    So wird beispielsweise beobachtet, dass Nächstenliebe bei den Mädchen, die als von Natur aus ruhiger und feinfühliger wahrgenommen werden, mehr geschätzt und ermutigt wird. Im Gegensatz dazu werden bei den Buben, die als stark und mutig gelten, Ehrgeiz und Risikobereitschaft gefördert.

    Langfristig schränkt diese stereotype Differenzierung die persönliche Entwicklung und die Wahl des Lebensstils ein: Buben wählen eher Berufe mit einem hohen Mehrwert und Vollzeitstellen und dabei tendenziell ihr Familienleben und auch ihre Gesundheit vernachlässigen. Mädchen ihrerseits ziehen Berufe im Pflege- und Fürsorgebereich und in Teilzeit vor, wodurch sie eher finanziellen Unsicherheiten ausgesetzt sind.

    Diese Wahl hat Auswirkungen auf andere Aspekte unserer Gesellschaft, wie auf den Fortbestand der Geschlechterstereotypen und auf die ungleiche Verteilung der Geschlechter in Entscheidungsfunktionen, in Teilzeitstellen und in Bezug auf das Gehalt. Sie beeinflusst die Vereinbarkeit von Beruf mit dem Privatleben, sowie auf den Lebensstandard nach der Pensionierung.

  • Den Bildungsanstalten kommt im Prozess der Sozialisation eine wichtige Rolle zu, denn alle Kinder verkehren über eine lange Zeit regelmässig in dieser Umgebung. Die Schule übermittelt nicht nur Wissen und Kompetenzen gemäss den Lernzielen, sondern verkörpert auch Werte und prägt die verschiedenen sozialen Rollen und Verhaltensweisen.

    Die Schule hat unter anderem den Auftrag, die gesellschaftlichen Werte der Bundesverfassung zu vermitteln, zu denen auch die Gleichstellung von Frau und Mann gehört. Dieses Thema verdient besondere Aufmerksamkeit, da es universelle Gültigkeit besitzt und uns alle betrifft.

    Aktuell wird die Gleichstellung zwar in verschiedenen Fächern angesprochen, aber nur auf Initiative von wenigen motivierten Lehrpersonen proaktiv unterrichtet. Ein systematischer Ansatz zu diesem Thema und die interdisziplinäre geschlechterreflektierter Werte auf allen Bildungsebenen ist aber notwendig.

Geschichte und Gegenwart

  • Im Schul- und Bildungswesen wurden für die Gleichstellung von Frau und Mann bereits zahlreiche Fortschritte erreicht, darunter:
    •    Zugang zur Volksschule für Mädchen und Buben
    •    gemischte Schulen mit den gleichen Fächern für alle Schülerinnen und Schüler;
    •    die nachobligatorischen Bildungsgänge stehen allen offen, wobei die gleichen schulischen Leistungen gefordert werden;
    •    ein gleichberechtigter Zugang zur Schule und zu allen Ausbildungen ohne Zusatzkriterien oder Unterteilung nach Geschlechtern für den Zugang zu allen Berufen;
    •    gleichwertige Ausbildungsstufen für Frauen und Männer;
    •    die Schule rühmt sich der Gleichbehandlung und hat den Auftrag, jedem Kind die gleichen Chancen zu bieten.

Warum genügt dies nicht?

  • Trotz dieser Errungenschaften zeigen die Statistiken klar, dass in mehreren Bereichen weiter Ungleichheiten bestehen:
    •    Frauen sind in den sogenannt technischen Berufen unter- und in den Pflege-, Sozial- und Dienstleistungsberufen übervertreten;
    •    in Führungsstellen sind Frauen untervertreten;
    •    Mädchen und Frauen schränken sich in Anbetracht eines späteren Familienlebens in ihrer Berufs- und Karrierewahl ein;
    •    Mädchen wählen einen Beruf aus einer kleineren Auswahl von Ausbildungen, die oft kürzer sind und deren Arbeit in der Folge weniger gut bezahlt ist;
    •    Männer mit oder ohne Familie arbeiten weiterhin mit einem höheren Beschäftigungsgrad;
    •    ausserdem begehen Männer öfter kriminelle Handlungen oder zeigen ein gewalttätiges Verhalten;
    •    Frauen sind häufiger Opfer von häuslicher Gewalt.

  • Die Gleichstellung ist folglich nicht erreicht und erfordert politische und strategische Anstrengungen. Trotz günstigen strukturellen Voraussetzungen hat die konkrete Entwicklung Mühe. Darunter leidet die ganze Gesellschaft in Bezug auf die Diversität, den beruflichen Nachwuchs und die Lebensqualität der Frauen und Männer.

Wie kann das Problem behoben werden?

  • Die Gleichstellung sollte auf allen Bildungsstufen praktisch, pragmatisch, soziokulturell und interdisziplinär unterrichtet werden, damit die Denkweisen mit den Gesellschaftsstrukturen Schritt halten. Ohne proaktives Handeln gibt es zwar eine rechtliche, aber keine tatsächliche Gleichstellung. Die Gleichstellung kann unter mehreren Blickwinkeln in den Unterricht eingebunden werden: 
    •    als offizielles Thema (Geschichte der Frauenrechte, Überlegungen zu sexistischen Verhaltensweisen wie in Beleidigungen und Darstellungen usw.);
    •    transversal in den behandelten Fächern (Frauen in der Geschichte, Mathematikprobleme mit Ingenieurinnen, Gleichgewicht der weiblichen und männlichen literarischen Persönlichkeiten und ihrer Rollen usw.);
    •    in der Sozialisation der Buben und Mädchen mit einer Überlegung zu den Verhaltensweisen und Erwartungen (Gruppenarbeiten, Aufgaben, die Mädchen oder Buben anvertraut werden, bereitgestellte Spiele und ihre Verteilung im Raum usw.);
    •    Vorbildfunktion der Erwachsenen in der Schule.

    Dies setzt eine Grundschulung der Lehrpersonen voraus, damit diese die Gleichstellung als eigenes Thema und als Lernziel für die Kinder und Jugendlichen betrachten. Dies erfordert zudem, dass die Lehrpersonen ihre eigene Haltung und Praxis hinterfragen.

Die Arbeit des GFB

Das GFB bietet ganzheitliche Überlegungen zur Gleichstellung in der Bildung in Verbindung mit der beruflichen und gesellschaftlichen Realität der betroffenen Kreise an. Es zeigt, dass für die Förderung der Gleichstellung auf allen Ebenen der Gesellschaft ein interdisziplinärer Ansatz notwendig und sachdienlich ist.

Das GFB beteiligt sich an mehreren Projekten in Verbindung mit Bildung und Ausbildung im Kanton Freiburg und schweizweit.

  • Lehrmaterial (4 Broschüren auf Französisch) für Lehrpersonen, abgestimmt auf den PER (Westschweizer Lehrplan) und für alle Ebenen der Volksschule.

  • Tag für die Schülerinnen und Schüler der 7H und 10H, um geschlechtsuntypische Berufe kennen zu lernen und neue berufliche Horizonte zu eröffnen.

  • Stand des GFB an dieser zweijährlichen Veranstaltung, um für die geschlechtsspezifische Berufswahl zu sensibilisieren und für die Eröffnung von neue Perspektiven zu eröffnen.

  • Interventionen bei Fachpersonen (Kleinkindererziehung, Mediation, Lehrpersonen) und bei den Jugendlichen auf allen Bildungsebenen für die Sensibilisierung für Geschlechterstereotypen. Punktuell organisierte Veranstaltungen zu verschiedenen Geschlechterthemen.

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Schema - Geschlechterstereotypen © Etat de Fribourg - Staat Freiburg - GFB

Direktion für Gesundheit und Soziales (GSD)

Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann und für Familienfragen (GFB)