Er ist gross, der Wal des Museums, sehr gross sogar. Doch wie gross und wie schwer eigentlich genau?
Lange hiess es, das 1852 gestrandete Jungtier habe zwanzig Tonnen gewogen, als es noch am Leben war; das Gewicht des Präparats war hingegen unbekannt. Ist ja auch nicht ganz einfach, so ein Ungetüm zu wiegen.
Im Hinblick auf den bevorstehenden Umzug wurde dies nun endlich nachgeholt. Das Resultat: Das Walpräparat wiegt 1650 Kilogramm, so viel wie ein mittelgrosses Auto.
Wesentlich einfacher scheint es da, die Länge des Tiers zu messen. Tatsächlich? Einst sagte man der Wal sei zwölf Meter lang – so wurde er bereits im 19. Jahrhundert beworben, als er als Publikumsattraktion durch Europa zog. Doch erst jetzt wollte das Museum es genau wissen und mass nach. Und siehe da: Die exakte Länge beträgt «nur» 10,81 Meter! Da hat man offensichtlich lange etwas gar grosszügig aufgerundet …
Monatelange Vorbereitungen, ein spezialisiertes Transportunternehmen, ein Team aus Zügelleuten, technischem und wissenschaftlichem Personal, moderne technische Ausrüstung und zahlreiche Vorsichtsmassnahmen: Für den fachgerechten Transport des Wals vom aktuellen ins künftige Museum wird nichts dem Zufall überlassen. Und das alles… für eine Distanz von gerade einmal 600 Metern Luftlinie!
Was würde der Wal selbst wohl zu dem ganzen Aufwand sagen? Er, der vor seiner Endstation in Freiburg während fast 30 Jahren durch ganz Europa gezogen ist, in über 60 Städten in mindestens acht Ländern Halt gemacht hat und dabei etwa 13 000 Kilometer auf einem von Pferden gezogenen Karren zurückgelegt hat! Für die Strecke vom Museumsweg in die Zeughausstrasse hätte er wohl nur ein müdes Lächeln übrig …
Nachdem der Wal 1852 in der Nähe von Le Havre gestrandet ist, wird er innerhalb von wenigen Tagen für 1530 Francs an einen französischen Geschäftsmann verkauft. Dieser stellt ihn unverzüglich in einem Zelt aus – und deckt seine Ausgaben innerhalb von drei Tagen mit dem Eintrittsgeld.
1882 kauft der Staat Freiburg das gesamte maritime Wandermuseum, zu dem der Wal inzwischen gehört und das während seines Aufenthalts an der Saane Konkurs gegangen ist, für 2000 Franken – ein guter Preis, heisst es. Heute würden die damals bezahlten Beträge wohl etwa 20 000 bis 25 000 Franken entsprechen. Günstig oder teuer? Wie auch immer: Heute ist der Wal sowieso unverkäuflich – und unbezahlbar!
Als der Schausteller Alfredo Pernoletti 1881 aus Anlass des Eidgenössischen Schützenfestes nach Freiburg kommt, tut er dies nicht nur mit seinem maritimen Wandermuseum, zu dem der präparierte Seiwal gehört, sondern auch mit einem «indo-afrikanischen Aquarium» mit 120 lebendigen Krokodilen. Ausgerechnet in Freiburg holen ihn seine zahlreichen Gläubiger ein und er sieht sich gezwungen, aus der Stadt zu fliehen und sein Museum zurückzulassen. Der Staat Freiburg kauft dessen Bestand und überlässt ihn dem Naturhistorischen Museum. Und die Krokodile? Die hat Pernoletti auf seine Flucht mitgenommen. Zum Glück, denn was hätte das Naturhistorische Museum auch mit 120 lebenden Krokodilen anfangen sollen?
Der Wal des Naturhistorischen Museums hat schon so einiges erlebt, darunter auch den ersten Umzug des Museums im Jahr 1897 vom Lyzeum des Kollegiums St. Michael an den heutigen Standort im Pérolles-Quartier. Konservator Maurice Musy notierte dazu in einem Bericht: «Unsere Konvois, die durchaus hübsch anzusehen waren, haben das Publikum sehr interessiert. Der Transport des Wals und des Pottwal-Skeletts bereitete die grössten Schwierigkeiten, verlief aber ohne Unfälle. Die grossen Tiere wurden über eine Rampe zu einem Fenster im ersten Stock gebracht, das vergrössert werden musste. Allein dieser Transport nahm drei Tage in Anspruch, und für die Arbeit im Pérolles brauchte es ein Duzend Handlanger.»
Ob das Museum von den Erfahrungen seiner Vorgänger profitieren kann, wenn es den Wal diesen Sommer ein weiteres Mal zügelt? Eines ist klar: Um aus dem einen Gebäude hinaus- und in das andere hineinzugelangen, wird der Riese erneut durch Mauern gehen müssen...
Seit der Wal 1882 in die Sammlung des Naturhistorischen Museums gelangte, wurde er mehrere Male untersucht und restauriert. Man fand dabei so einiges über ihn heraus, zum Beispiel, dass sich in seinem Inneren eine Holzkonstruktion befindet oder dass seine Oberfläche im Laufe seiner Geschichte mehrmals übermalt wurde. Doch einige Geheimnisse wurden bis heute nicht gelüftet. So weiss man zwar, dass der Kadaver des Tiers 1852 mit einer Methode einbalsamiert wurde, die der Apotheker und Forscher Jean-Nicolas Gannal für die Erhaltung menschlicher Leichname entwickelt hatte, doch die genaue Zusammensetzung der verwendeten Chemikalien ist unbekannt. Ebenfalls unbeantwortet ist die Frage, ob der Schädel des Wals im Inneren des Präparats erhalten ist.
Vielleicht wird man das alles eines Tages herausfinden. Aber bis dahin: Haben wir nicht alle unsere kleinen Geheimnisse?