Lebendige Traditionen im Kanton Freiburg - Inventar

Der Kanton Freiburg ist reich an Traditionen, die von Generation zu Generationen weitergegeben werden. Mit Ihrem Beitritt zum UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes hat sich die Schweiz verpflichtet, ein Inventar der lebendigen Traditionen in der Schweiz zu erarbeiten und periodisch zu aktualisieren. Der Staat Freiburg hat, über das Amt für Kultur, das Greyerzer Museum beauftragt, ein Inventar der lebendigen Traditionen im Kanton Freiburg zu erarbeiten. Dieses Inventar, das ständig erweitert wird, umfasst derzeit fast achtzig Traditionen. Gestützt auf Kontakten mit den Traditionsträgern sowie Recherchen wurden über fünfzig davon bereits dokumentiert. Auf dieser Seite kann das Publikum die Beschreibungen dieser Traditionen und die dazugehörigen Audio- oder Video-Dokumente einsehen, geordnet nach den Kategorien der UNESCO.

Bénichon-Kilbi
Bénichon-Kilbi © Tous droits réservés - Mélanie Richoz

Die UNESCO vereint lebendige Traditionen in fünf Kategorien: Mündliche Asudrucksweisen, Darstellende Künste, Gesellschaftliche Praktiken, Umgang mit der Natur, Traditionnelles Handwerk.

Lebendige Traditionen im Freiburger Inventar

Mündliche Ausdrucksweisen

Der Bereich der «lebendigen Traditionen und mündlichen Ausdrucksweisen» umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher gesprochener Formen, wie Sprichwörter, Rätsel, Geschichten, Kinderreime, Legenden, Mythen, epische Dichtungen und Lieder/Epen, Beschwörungen, Gebete, Lobgesänge, Lieder oder Theatervorführungen. Traditionen und mündliche Ausdrucksweisen werden verwendet, um Wissen, kulturelle und soziale Werte sowie das kollektive Gedächtnis weiterzugeben. Sie spielen eine wesentliche Rolle für das lebendige Weiterbestehen von Kulturen.

 
Sense, Theater in Dialekt
Sense, Theater in Dialekt © Alle Rechte vorbehalten - Florence Gross
Sense, Theater in Dialekt
Sense, Theater in Dialekt
Sense, Theater in Dialekt © Alle Rechte vorbehalten - Florence Gross
Sense, Theater in Dialekt

Darstellende Künste

Zu den darstellenden Künsten gehören instrumentale Vokalmusik, Tanz und Theater, Pantomime ebenso wie gesungene Gedichte und andere Ausdrucksweisen. Sie umfassen zahlreiche kulturelle Ausdrucksformen, welche die menschliche Kreativität widerspiegeln und die teilweise auch in vielen anderen Bereichen des immateriellen Kulturerbes zu finden sind.

Ateliers bei der Farandole, Courtepin
Ateliers bei der Farandole, Courtepin © Alle Rechte vorbehalten - cioffyouthswitzerland
Ateliers bei der Farandole, Courtepin
"Giron des musiques" (Saane)
"Giron des musiques" (Saane) © Alle Rechte vorbehalten - bénévolesfetedesGirons
"Giron des musiques" (Saane)

Gesellschaftliche Praktiken

Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste sind gebräuchliche Aktivitäten, die das Leben von Gemeinschaften und Gruppen strukturieren und an denen viele ihrer Mitglieder festhalten. Sie sind wichtig, weil sie die Identität derjenigen bestärken, die sie in der Gruppe oder Gesellschaft praktizieren. Zudem sind sie, ob nun öffentlich oder privat praktiziert, eng mit wichtigen Ereignissen verbunden. Gesellschaftliche, rituelle und festliche Praktiken können dazu beitragen, den Lauf der Jahreszeiten, Zeitpunkte im landwirtschaftlichen Jahreskalender oder Etappen des menschlichen Lebens zu markieren. Sie sind eng verbunden mit dem Weltbild einer Gemeinschaft und ihrer Wahrnehmung von Geschichte und Erinnerung.

Mürtnersolennität
Mürtnersolennität © Alle Rechte vorbehalten - Charly Rappo
Mürtnersolennität
Karrenrennen (Charmey)
Karrenrennen (Charmey) © Alle Rechte vorbehalten - Christophe Maradan
Karrenrennen (Charmey)

Umgang mit der Natur

Das Wissen und die Praktiken im Umgang mit der Natur und dem Universum umfassen eine breite Palette von Kenntnissen, Fähigkeiten, Praktiken und Vorstellungen, die sich die Gemeinschaften bei ihren Interaktionen mit der natürlichen Umgebung aneignen. Die Art und Weise, wie sich die Menschen die Umwelt vorstellen, äussert sich in der Sprache, in den mündlichen Traditionen, in dem Gefühl der Verbundenheit mit einem Ort, in Erinnerungen, Spiritualität und in der Weltsicht. Diese Vorstellungen/Ansichten haben auch einen starken Einfluss auf die Werte und den Glauben und liegen zahlreichen gesellschaftlichen Praktiken und kulturellen Traditionen zugrunde.

Traditionelles Handwerk

Das traditionelle Handwerk ist die vermutlich materiellste Erscheinungsform des immateriellen Kulturerbes. Traditionelles Handwerk umfasst eine Vielzahl von Ausdrucksweisen: Werkzeuge, Bekleidung und Schmuck, Kostüme und Accessoires für Feste und Darbietungen/Aufführungen, Behälter/Gefässe, Gegenstände, die für die Lagerung, den Transport und den Schutz verwendet werden, Kunstgewerbe/angewandte/gewerbliche Kunst und Zeremonialobjekte, Musikinstrumente und Gebrauchsgegenstände sowie Spielzeug, das sowohl zur Unterhaltung wie auch zur Bildung dient.

Seisler Brätzele
Seisler Brätzele © Alle Rechte vorbehalten - Aldo Elena
Seisler Brätzele
Holzfigurenopfer in St. Silvester
Holzfigurenopfer in St. Silvester © Alle Rechte vorbehalten
Holzfigurenopfer in St. Silvester
Laufend erweitertes Inventar

Eine Expertengruppe unter der Leitung von Isabelle Raboud-Schüle, der Direktorin des Greyerzer Museums, hat bisher rund siebzig Traditionen erfasst. Diese Liste lebendiger Traditionen soll helfen, folgende Ziele zu erreichen:

  • die Öffentlichkeit für die Bedeutung der Praxis und der Vermittlung lebendiger Traditionen sensibilisieren,
  • die Anerkennung der Träger lebendiger Traditionen fördern,
  • eine Grundlage für weiterführende Initiativen und Partnerschaften schaffen, welche die Praxis der lebendigen Traditionen unterstützen.

Nun gilt es, die noch fehlenden Beschreibungen zu ergänzen sowie weitere lebendige Traditionen zu erfassen und in die kantonale Liste aufzunehmen. Die Träger und die Kenner von Traditionen sind gebeten, sich zu melden, um auf Traditionen hinzuweisen, die ins Inventar aufgenommen werden sollten, und um dieses Inventar zu verbessern und zu bereichern (mit Fotos, Filmen oder Dokumenten, Internetseiten, Erlebnisberichten usw.). Das immaterielle Kulturerbe ist wichtig für die kulturelle Vielfalt. Zudem ist es nützlich für den Dialog und fördert den Respekt der unterschiedlichen Lebensweisen. Um in die Liste aufgenommen zu werden, muss eine Tradition seit mindestens zwei Generationen bestehen, sich ständig verändern und den Gemeinschaften und Gruppen, die sie praktizieren, ein Gefühl der Identität und der Kontinuität vermitteln.

Die Beschreibungen wurden verfasst von (berufliche Tätigkeit zum Zeitpunkt der Redaktion): Isabelle Raboud-Schüle, Ethnologin, Präsidentin der Expertengruppe/Fachgruppe; Florence Bays, Historikerin; Christian Schmutz, Sprachwissenschaftler; Anton Jungo, Journalist; Alain Grandjean, Journalist; Christophe Mauron, Historiker; Denis Buchs, Historiker; Denise Sonney, Autor; Samuel Sandoz, Student. Deutsche Übersetzungen: Hubertus von Gemmingen, Anton Jungo.

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