"Lioba, lio-o-ba… ". Wenn im richtigen Moment am richtigen Ort diese wenigen Silben angestimmt wer-den, fühlen sich schnell einmal alle "wahren Schwei-zer und Schweizerinnen" als ein Volk von Brüdern und Schwestern.

Winzerfest
Winzerfest © Tous droits réservés - Céline Michel

Das kann irgendwo und irgendwann in jeder Gruppe oder Menge geschehen: Eine Männerstimme beginnt den Ranz des vaches zu singen, und alle wiederholen gemeinsam den Refrain "Lyôba, lyô-ô-ba". Wenn im richtigen Moment am richtigen Ort diese wenigen Silben angestimmt werden, fühlen sich schnell einmal alle "wahren Schweizer und Schweizerinnen" als ein Volk von Brüdern und Schwestern. In der Stube eines Wirtshauses oder in einem Festzelt braucht es nicht mehr, und schon lässt man Gläser und Löffel erklingen, um "lè chenayirè" zu begleiten, die, wie es sich gehört, "van lè premirè". Selbst wenn er nur gejohlt wird, ist der Ranz das beliebteste Lied der Eidgenossen, die alle imstande sind, einen Satz zu zitieren oder die Melodie zu erkennen. In festlichem Rahmen von einem guten Tenor mit Herz und begleitet von einem Chor vorgetragen, wird der Kuhreihen spontan vom Publikum mitgesungen. Auch wenn im Kanton Freiburg nur noch eine Person von hundert den Greyerzer Patois versteht, gilt der Ranz des vaches als Nationalhymne. Und alle 20 bis 25 Jahre geniesst er weltweiten Ruhm, wenn ihn die Sennen am Winzerfest in Vevey als einen der Höhepunkte dieses Anlasses singen.

Die vollständige Fassung in Greyerzer Patois umfasst 19 Strophen und zwei abwechselnde unterschiedliche Refrains. Diese gesungene Version hat alle anderen (insbesondere jene für Alphorn) sowie die in verschiedenen Regionen der Schweiz bezeugten Melodie- und Textvarianten ausgestochen.

Ein Ritual

Laut Guy S. Métraux (Le ranz des vaches: du chant de bergers à l’hymne patriotique, Lausanne 1998, S. 33) "scheint das Wesen des Ranz des vaches ursprünglich der Ruf eines Instruments (Alphorn) oder der Gesang des Hirten gewesen zu sein, um der Herde mitzuteilen, dass die Zeit des Melkens, des Aufbruchs zu den Alpweiden oder der Rückkehr zum Stall gekommen sei". Dieser Brauch ist seit alters im Emmental, Oberhasli, Entlebuch und Simmental, Appenzell, Jorat, Pays-d’Enhaut und in Les Ormonts bezeugt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts fand die Melodie – in leicht folklorisierter Form – Eingang in die grossen Volksfeste, an deren Ursprung das Hirtenfest von Unspunnen (1805, 1808) steht. Dort spielte man den Kuhreihen auf dem Alphorn, das durch dieses Fest rehabilitiert wurde.

Doch für die Westschweizer und insbesondere für die Freiburger ist der Ranz des vaches in erster Linie mit dem Winzerfest verbunden, in dessen Programm er erstmals 1819 als Chorlied erscheint. In dieser Form wird er in allen weiteren Ausgaben des Fests gesungen. Erst 1889 kommt ein Solist zum Einsatz, und die Begleitung mit Alphorn ist noch späteren Datums. Mit der Zeit wurde der Ranz des vaches zum Eckpfeiler des Fests und erhielt "den Charakter eines Rituals, dessen gleichsam religiöse Inbrunst auf dem Naturgefühl und der Erinnerung an die kleine vaterländische Alpwelt beruht" (Métraux); der Sänger des Ranz wurde zu einem wahren Star. Die Emotion, die er beim Publikum auslöst, ist gut zu spüren: Beim Winzerfest 1999 erhoben sich die 16'000 Zuschauer jeder Vorstellung, um den Refrain mit den Chören zu singen. Augenblicklich vernimmt man den Ranz des vaches bei zahlreichen Gelegenheiten. Man findet ihn im Programm von Gedenkveranstaltungen, Festen (insbesondere jenen, die mit der Alpwirtschaft zu tun haben, wie Alpabzüge und Poyas) und Jubiläen im ganzen Kanton Freiburg.

Die geläufigste französische Fassung wurde von Abbé Joseph Bovet für 2–3 oder 4 Stimmen harmonisiert. 1928 wurde sie mit dem Groupe choral und Robert Colliard als Solist unter Leitung von Bovet selber aufgenommen. Dieser baute den Kuhreihen auch in seine patriotischen Schauspiele ein, angefangen mit dem Festspiel "Mon Pays" (1934). Die Aufnahme des Ranz des vaches in das Schweizer Kulturerbe trug zu dem bei, was man seine Musealisierung nennen könnte. Melodie, Text und Strophenzahl wurden fixiert, um Entstellungen so weit wie möglich zu verhindern. Wie Métraux feststellt, ist der Ranz "nicht mehr ein schlichtes Arbeitslied der Sennen oder ein Lobpreis auf die Natur, sondern ein Nationallied, das allen gehört".

Die Melodie, die durch die ersten ansteigenden Noten und dann durch die Intervalle des Refrains "Lioba…" charakterisiert ist, hat zahlreiche Komponisten inspiriert, die ihrem Werk eine pastorale Note geben wollten. Nach dem Guillaume Tell von André Ernest Modeste Grétry (1791) und dem Wilhelm Tell von Friedrich Schiller (1804) fand der Ranz des vaches Eingang in Kompositionen von Beethoven, Berlioz, Schumann, Mendelssohn, Rossini, Liszt, Wagner und vielen anderen. Verschiedene Musiker, darunter der Jazzpianist Thierry Lang – ein Freiburger – schufen bearbeitete moderne Fassungen.

Eine von Heimweh gekennzeichnete Geschichte

Die Geburtsstunde des Ranz des vaches ist unbekannt, da er anfangs nur mündlich überliefert wurde. Die vorgeschlagenen Daten sind lediglich mehr oder weniger überzeugende und häufig umstrittene Hypothesen. Die ersten schriftlichen Zeugnisse datieren aus dem 16. Jahrhundert. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) ist "der Kuhreihen 1545 zuerst als Instrumentalmelodie belegt, später mehrheitlich als gesungenes Lied (Har Chueli, ho Lobe), mit dem die Kühe (auch Lobe genannt) auf der Weide eingetrieben, in einer Reihe angelockt und beim Melken beruhigt werden".

Des Weiteren zitiert das HLS Johannes Hofers berühmte medizinische Dissertation De Nostalgia vulgo Heimwehe oder Heimsehnsucht (1688): "In dem durch Theodor Zwinger um die ‘Cantilena Helvetica’ bzw. um den ‘Kühe-Reyen’ erweiterten Nachdruck unter dem Titel De Pothopatridalgia (1710) wird erwähnt, dass die Schweizer Söldner beim Hören des Kuhreihens dem delirium melancholicum verfallen und zum Desertieren veranlasst würden. Unter Todesstrafe war es deshalb verboten, in fremden Diensten Kuhreihen zu spielen oder zu singen." In Wirklichkeit wurde in den Archiven nie ein solches Verbot gefunden, doch der Mythos war stark und vermochte sich durchzusetzen.

Laut Guy S. Métraux "ist die Beliebtheit des Ranz des vaches bei den sensiblen Seelen der Aufklärung und der Riesenerfolg beim Publikum im 19. Jahrhundert Jean-Jacques Rousseau zu verdanken". Der Schriftsteller nahm eine Umschrift und eine Beschreibung des Ranz in seinen Dictionnaire de musique (1767) auf, wobei er auch Hofers These über das Heimweh zitierte. Laut Métraux ist dieser Text "der Ursprung der fast universellen Verbreitung der Legende von der Wirkung des Ranz des vaches auf die Schweizer Soldaten, die durch keine historische Textquelle gestützt wird".

Die Greyerzer Fassung des Ranz des vaches erscheint 1813 in der ersten Lieferung des Conservateur suisse ou Recueil complet des étrennes helvétiennes; sie umfasst die Musik, den Text in Patois und Französisch sowie einen Kommentar von Philippe-Sirice Bridel (1757–1845). Im gleichen Jahr, doch ein paar Monate früher und mit anderen Fassungen, wurde sie zudem von Georges Tarenne publiziert.

Im 19. Jahrhundert bekrönen die Gründung des schweizerischen Bundesstaats und die Aufzeichnung der entsprechenden Mythen den Erfolg des Ranz des vaches und verwandeln ihn in einer Art Nationalhymne. Seither gilt die Bergwelt als Wiege des Schweizer Vaterlands. Der Ranz des vaches begleitet nun alle grossen Nationalfeiern und Volksfeste.

Ein weltweiter – und gefährlicher – Erfolg

Dank des Winzerfestes kann der Solist des Ranz des vaches internationale Erfolge feiern. Placide Currat (1889, 1905) tritt in London vor Königin Victoria auf, wird in Paris von den Brüdern Lumière gefilmt – der erste Senn des Weltkinos! –, und sein Bildnis ist auf Dutzenden von Postkarten zu sehen. Robert Colliard (1927) singt in der Mailänder Scala, bevor er sich mit Hilfe seiner Stimme einen Platz in der Politik erobert. Bernard Romanens (1977) gibt den Ranz bis nach China zum Besten. Mit ihm – dem ersten echten Senn der Serie – ändern sich die Dinge (man beschliesst, von nun an die Authentizität zu fördern und den Ranz von einem Landwirt singen zu lassen), doch dieser Entscheid bringt eine erstaunliche Wahrheit an den Tag: Der Ruhm des Ranz ist gefährlich… Dazu verpflichtet, überall und bei jeder Gelegenheit das beliebte Lied zu singen, und überall im Rampenlicht stehend, muss der Solist des Winzerfests eine solide soziale Basis und eine grosse Gewandtheit im öffentlichen Auftritt besitzen, um seine plötzliche Berühmtheit zu verarbeiten. Currat und Colliard haben damit kein Problem: Sie sind bereits bekannt, bevor sie auf der Bühne singen. Von Schicksalsschlägen getroffen oder rasch in die Anonymität zurückgesunken, haben ihre Nachfolger nicht so viel Glück. Sollte der Ranz des vaches tatsächlich irgendeine geheimnisvolle "Macht" besitzen, so müsste man sie eher in dieser Richtung suchen.

Das Winzerfest 2019 erregte grosses Interesse für den Ranz des vaches. Um nicht das Bild eines von einem Solisten verkörperten Nationalhelden zu feiern, vertraute die künstlerische Leitung den Gesang einer Gruppe von Amateur-Tenören an, die bei einem Probesingen ausgewählt wurden. Elf Solisten aus der Freiburger und Waadtländer Chorszene trugen die zwei-, drei- oder vierstimmigen Refrains und Strophen in Gruppen auf den vier oberen Bühnen der Arena vor, während die Erwachsenen- und Kinderchöre die Refrains wiederholten. Die letzte Strophe (die 19. der von Bridel publizierten Fassung, L’y an mè le kiô a la tsoudêre. Ke n’avan pâ la mityi aryâ) trug die Figur der kleinen Julie vor, die von einer jungen Tanzelevin gespielt wurde. Die technische Herausforderung des Gesangs mit vorher aufgezeichneter Orchesterbegleitung und der aufgrund der grossen Distanzen komplizierten Tonübertragung erregte die Gemüter mehr als das die klassischen Harmonien Bovets respektierende Musikarrangement der Hauptkomponistin des Festes, Maria Bonzanigo. Das Publikum schätzte die traditionelle Inszenierung, die durch das Bild einer Blumenwiese auf dem LED-Boden belebt wurde. Ausserhalb der Arena war der Ranz des vaches, gesungen von den Solisten und zahlreichen Gastgruppen, während des Winzerfests in Vevey im Juli und August 2019 immer wieder zu hören.

Dieses stark mediatisierte Ereignis ist ein Beispiel für die Vitalität einer Tradition, die sich in der Schweiz in unterschiedlichsten Kontexten auf organisierte oder spontane Weise ausdrücken und überdies dem Ausland ein starkes Image des Landes vermitteln kann.

Literatur

  • Sabine Carruzzo-Frey, Patricia Ferrari-Dupont, Du labeur aux Honneurs, quatre siècles d'histoire de la Confrérie des Vignerons et de ses fêtes, Corbaz, Montreux 1998, 268 S.
  • Sabine Carruzzo-Frey, in Zusammenarbeit mit Fanny Abbott, La Fête des Vignerons: de 1797 à 2019. Le Savoir Suisse, Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2019
  • Colloque des Rencontres folkloriques internationales de Fribourg: La musique traditionnelle en Suisse: chansons nationales, ranz de vaches et coraules: de l’alpage au salon, Freiburg, 30. August und 4. September 1982
  • Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel "Kuhreihen"
  • Gustave Adolphe Kölla (Hg.), Schweizer Liederbuch. Sammlung der schönsten Volks-, Berg- und Vaterlandslieder der deutschen, französischen und romanischen Schweiz. 3. Aufl., Zürich/Leipzig 1892.
  • Guy S. Mettraux [sic], Anne Philipona; Bildauswahl von Isabelle Arn und Manuel Dupertuis, Le ranz des vaches: du chant des bergers à l’hymne patriotique. Ed. Ides et Calendes, Neuenburg 2019. Bearbeitete und erweiterte Neuauflage des von Guy S. Metraux 1998 publizierten Buches.
  • Isabelle Raboud-Schüle und Serge Rossier: "Traditions emblématiques de la Gruyère (Suisse): au commencement … l’écrit !", in: Aurélie Reusser-Elzingre und Federica Diémoz (Hg.) Le patrimoine oral: ancrage, transmission et édition dans l’espace galloroman, Peter Lang, Bern 2016

Autoren

Isabelle Raboud-Schüle, Samuel Sandoz, Jean Steinauer

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